08
Juni
2018

Wem hilft Hypnose?

Beobachter vom 08.06.2018

Wem hilft Hypnose?

Wie Hagelkörner prasseln die Fragen auf die Frau nieder. Ständig und plagend. Die Frau drückt sich in Sicherheit, in die Mulde des Ledersessels, sie zieht die Knie zur Brust.

Wo bist du?, fragt der Therapeut.
Draussen oder drinnen? Tag oder Nacht? Seine Stimme ist fordernd, sie ist laut.
Ich weiss nicht.
Wie alt bist du gerade?
Die Frau atmet tief, sie atmet schwer. Sie schweigt.
Wir gehen zurück! FÜNF! Du machst das hervorragend, je tiefer du gehst, desto besser! VIER! Lass das unangenehme Gefühl hochkommen! Spür das Gefühl, das du nicht mehr spüren willst! DREI! Wir sind bald so weit. ZWEI! Ist das Gefühl da? EINS!

Zwei Finger des Therapeuten tanzen auf ihrem Stirnbein über der Nasenwurzel. Dann wieder diese Fragen.

Wo bist du? Drinnen oder draussen? Tag oder Nacht?

Drinnen … Ich habe grad … Angst. Da stehen … Menschen … um mich herum. Sie wollen nicht, dass ich … glücklich bin, murmelt die Frau.

Wer sagt das?

Meine Eltern. Mein Expartner … Ich kann ja nichts …

Ihre Hände kneten die Oberschenkel, sie kneten die Unterarme, da zerfällt ihr Gesicht.

ICH KANN NICHTS!, stösst die Frau aus.

Konzentriere dich auf deinen Atem, sagt der Therapeut.

«Lass dich sinken» – den ganzen Tag lang

Hypnose ist nichts für schwache Nerven. Ausser für 100 Leute in einem Hotel am Rande der Stadt. Darunter eine Psychologin, ein Computerspezialist, eine kaufmännische Angestellte, ein Psychiatriepfleger. Sie wollen Hypnosetherapeuten werden, oder sie sind es bereits.

Es ist Mai. Starkstromleitungen zerteilen den Himmel über dem Hotel wie die Käseharfe dicke Milch. Drinnen lassen sich drei Frauen und ein Mann hypnotisieren. Alle vier geben freiwillig ihr Leben und Leiden preis. Alle 100 sehen und hören freiwillig zu. Und das zwölf Stunden lang. Unterbrochen durch ein Mittagessen. Und beendet mit einem grossen Bier oder einer Cola. Dazwischen das ewige Mantra der Hypnotiseure: Lass dich sinken. Lass dich sinken. Tiefer. Tiefer. Lass dich gehen.

Was bringt eine Hypnose-Therapie?

Auch für den Berichterstatter des Beobachters ist das Thema Hypnose eine harte Nuss. Auf der einen Seite ist da die Faszination, dass man einen Fremden in kurzer Zeit in diesen, sagen wir, Ausnahmezustand versetzen kann. Auf der anderen Seite nagt der Zweifel, ob eine Therapie mit Hypnose längerfristig wirkt. Also ob die Heilsversprechen tatsächlich eingelöst werden oder überhaupt eingelöst werden können. Und wenn ja, bei welchen Ängsten, Süchten, Krankheiten.

Populär ist Hypnose, wenn man mit dem Rauchen aufhören will. Beim Büronachbarn gegenüber hat sie gewirkt, beim Büronachbarn daneben nicht. Ein Hypnosetherapeut würde typischerweise erklären, beim einen sei der Leidensdruck hoch genug gewesen und ebenso die Bereitschaft, etwas in seinem Leben zu ändern. Beim andern halt nicht.

Also, was genau ist Hypnose?

Lassen wir jenen Mann zu Wort kommen, der in der Schweiz Hunderte von Hypnotiseuren ausgebildet hat, den Winterthurer Hansruedi Wipf. Hypnose sei «weder ein Schlaf- noch ein Wachzustand», schreibt er im Buch «Hypnose». Der Zustand habe «eine so unglaubliche Bandbreite an Höhen und Tiefen, an Wahrnehmungen und Empfindungen», dass jeder Versuch, ihn korrekt zu beschreiben, eigentlich zum Scheitern verurteilt sei.

Er versucht es dennoch und definiert Hypnose als «die Umgehung des kritischen Faktors des Bewusstseins und die Etablierung von selektivem und akzeptablem Denken». Anders gesagt: Mit Hypnose umgeht der Therapeut zeitweise den Verstand des Klienten und versucht, negative Erinnerungen im Unterbewusstsein zu neutralisieren. Gelöscht werden sie nicht. Man weist ihnen ein anderes Gewicht zu.

«Hypnosetherapie ist einfach zu erlernen»

Wipf beschäftigt sich seit 2010 ausschliesslich mit Hypnose. Er ist 53, hat in St. Gallen Staatswissenschaften studiert, war Handballer, ist Offizier der Schweizer Armee und arbeitete in der Automobilindustrie. Hypnose hat für ihn nichts zu tun mit «Gspüürschmi» oder Übersinnlichem. Wipf ist Chef der Firma Hypnose.net, beschäftigt ein halbes Dutzend Hypnotiseure, hält die Rechte an Marken wie HypnoDent®, HypnoKids®, HypnoSex®, HypnoSlim® und ist in der Schweiz so etwas wie der ISO-zertifizierte Mister Hypno. 

«Hypnosetherapie ist einfach, effizient, kostengünstig und leicht zu erlernen», sagt er. «Dazu braucht man nicht mehr als sieben Tage à zehn bis zwölf Stunden.» Die Ausbildung kostet bei Wipf 3950 Franken, bei Sofortzahlung 200 Franken weniger.

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Autor: András M. Nagy Kategorie: Hypnose

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