19.12.2025
Wenn der Fluss nicht still wird

Der Mann am Fluss
Ein junger Mann kommt mit einem Sack Saatgut an einen breiten, reissenden Fluss. Auf der anderen Seite liegt fruchtbares Land – genau dort möchte er hin. Also setzt er sich ans Ufer und wartet.
Am ersten Tag sagt er: „Wenn das Wasser morgen ruhiger ist, gehe ich.“
Am zweiten Tag: „Wenn der Wind nachlässt, wird es leichter.“
Am dritten Tag: „Wenn ich nur ein Zeichen bekomme, dass jetzt der richtige Moment ist …“
Der Fluss aber bleibt, wie Flüsse nun einmal sind: Bewegung.
Am vierten Tag kommt ein alter Bootsbauer vorbei. Er sieht den Mann, den Sack Saatgut und das Warten.
„Worauf wartest du?“ fragt er.
„Dass der Fluss sich verändert“, sagt der junge Mann. „Dann gehe ich hinüber.“
Der Alte nickt, als hätte er diese Antwort schon oft gehört:
„Ein Fluss ist kein Versprechen. Er ist Bewegung. Wenn du warten willst, bis er still wird, wirst du hier alt.“
„Aber wie soll ich dann hinüberkommen?“ fragt der Mann.
Der Bootsbauer zeigt auf das Ufer. Dort liegen Äste, Schilf, Leinenreste, angeschwemmtes Holz.
„So“, sagt er. „Nicht mit perfekten Bedingungen. Sondern mit einem ersten Schritt.“
Gemeinsam bauen sie ein kleines Floss – nicht schön, nicht perfekt, aber schwimmfähig. Der Mann zögert.
„Und wenn es nicht hält?“ fragt er.
„Dann lernst du“, sagt der Alte. „Du kannst nicht ans andere Ufer gelangen, indem du den Fluss beobachtest. Du musst etwas bauen, das dich trägt. Und das bist vor allem du selbst.“
Der Mann setzt sich auf das Floss. Das Wasser ist kalt, unberechenbar, stark. Doch er beginnt zu paddeln, zu korrigieren, nachzujustieren. Nicht gegen den Fluss – sondern mit ihm.
Und irgendwann spürt er Boden unter den Füssen: das andere Ufer.
Der Fluss rauscht weiter wie zuvor.
Aber der Mann ist nicht mehr derselbe.
Was diese Geschichte uns zeigt
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Warten kann sich wie Sicherheit anfühlen – ist aber oft nur Stillstand.
Der Wunsch nach „besseren Bedingungen“ ist menschlich. Doch wenn wir ihn zur Voraussetzung machen, verschieben wir unser Leben. -
Veränderung ist selten ein perfekter Plan.
Das Floss ist nicht die endgültige Lösung. Es ist ein Anfang. Oft braucht es nicht „die richtige Entscheidung“, sondern eine erste tragfähige. -
Selbstwirksamkeit wächst durch Handlung, nicht durch Grübeln.
Der Mann lernt unterwegs: korrigieren, neu ausrichten, dranbleiben. Genau so entsteht inneres Vertrauen. -
Manchmal bleibt der Fluss – und wir werden beweglicher.
Die äussere Welt ist nicht immer kontrollierbar. Aber unsere Haltung, unsere Schritte und unsere Lernbereitschaft sind es.
Von „Wenn… dann“ zu „Jetzt… weil“
Viele Menschen leben in einer inneren Satzstruktur wie:
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„Wenn ich weniger Stress habe, dann ändere ich…“
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„Wenn ich sicher bin, dann beginne ich…“
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„Wenn die anderen… dann kann ich…“
Die Alternative klingt einfacher, ist aber kraftvoller:
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„Ich beginne jetzt – weil ich weiterkommen will.“
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„Ich gehe den ersten Schritt – und lerne unterwegs.“
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„Ich werde die Veränderung, die ich mir wünsche.“
Reflexionsfragen (für dich oder für Klient:innen)
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Wo in meinem Leben warte ich darauf, dass „der Fluss“ sich beruhigt?
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Was wären realistische erste Materialien für mein „Floss“ (Zeitfenster, Unterstützung, Fähigkeiten, kleine Schritte)?
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Was ist der kleinste Schritt, der mich heute 1% näher ans andere Ufer bringt?
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Welche Ausrede klingt bei mir besonders vernünftig – und hält mich trotzdem zurück?
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Was würde ich tun, wenn ich nicht auf perfekte Sicherheit angewiesen wäre?
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Wer oder was könnte mein „Bootsbauer“ sein (Mentor, Therapeut, Freund, Struktur)?
Mini-Impuls zum Schluss
Du musst nicht die ganze Strecke sehen.
Du musst nicht alles im Griff haben.
Aber du darfst anfangen.
#AndrasM ☀️
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