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13.12.2025

Der Garten - Wohin

Vom „weg von“ zum „hin zu“

Warum es im Leben nicht reicht zu wissen, was wir nicht wollen

Viele Menschen, die in meine Praxis kommen, wissen sehr genau, was sie nicht mehr wollen:

  • nicht mehr so gestresst sein

  • nicht mehr so viel funktionieren

  • nicht mehr immer die Starken spielen

  • nicht mehr verletzt werden

Auf die Frage: „Was möchten Sie denn stattdessen?“ entsteht oft zuerst eine lange Pause.
Wir sind erstaunlich gut darin, unser inneres „Nein“ zu formulieren – aber viel schlechter darin, unser „Ja“ zu benennen.

Genau darum geht es in der folgenden kleinen Geschichte.


Die Geschichte von Aron und seinem Garten

Aron hatte einen kleinen Garten hinter seinem Haus.
Und er hasste Unkraut.

Jeden Morgen ging er hinaus, um alles zu entfernen, was er nicht wollte:

  • Disteln

  • Brennnesseln

  • vertrocknete Halme

  • Schnecken, die irgendwo lauern könnten

Er suchte nach „Fehlern“ und „Störenfrieden“ – und bekämpfte sie mit grossem Einsatz.
Am Abend war er müde, aber zufrieden: Der Kompost war voll, das Unkraut besiegt.

Nur eines merkte er nicht:
Sein Garten wurde zwar sauberer, aber auch leerer.
Kaum Blumen, kein Duft, wenig Farbe. Viel nackte Erde.

Eines Tages kam eine alte Gärtnerin vorbei, bekannt im Dorf für ihre wunderschönen Gärten.
Sie schaute über den Zaun und sagte:

„Du hast viel gearbeitet.
Aber sag mir: Worauf arbeitest du eigentlich hin?“

Aron war irritiert:

„Na, ich will kein Unkraut! Keine Disteln, keine Brennnesseln, kein Gestrüpp.“

Die Gärtnerin nickte langsam:

„Ich verstehe, was du nicht willst.
Aber was willst du?
Nicht: Wovon weg?
Sondern: Wohin?

Diese Frage traf Aron unerwartet.
Er hatte noch nie darüber nachgedacht, wofür er seinen Garten eigentlich wollte.

Die Gärtnerin holte zwei Säckchen aus ihrer Tasche.

„Schau“, sagte sie, „das eine ist ein Mittel gegen Unkraut.
Das andere ist ein Säckchen voller Samen: Blumen, Kräuter, Beeren.“

Sie kniete sich hin und streute einige Samen in die Erde.

„Wenn du nur bekämpfst, was du nicht willst,
bleibt dein Garten ein Schlachtfeld.
Wenn du beginnst zu pflanzen, was du willst,
wird er zu einem Ort, der dich trägt.“

Aron runzelte die Stirn:

„Aber muss ich das Unkraut nicht trotzdem entfernen?“

„Natürlich“, lächelte sie.
„Aber Unkraut jäten ist nicht dein Ziel.
Es ist nur ein Dienst am Ziel.
Dein eigentliches Ziel ist der Garten, in dem du sitzen möchtest,
der Duft, den du einatmen willst,
die Früchte, die du ernten möchtest.
Nicht: Wovon weg?
Sondern: Wohin?


Der Mensch als „Zielwesen“ – ein logotherapeutischer Blick

Viktor Frankl beschreibt den Menschen als ein auf Sinn hin ausgerichtetes Wesen.
Wir sind nicht nur Fluchtwesen, die von Schmerz, Angst oder Schuld wegwollen,
sondern vor allem Zielwesen, die sich auf etwas Hin-sinn-Volles ausrichten können:

  • auf Werte

  • auf Aufgaben

  • auf Beziehungen

  • auf Haltungen

Wenn wir nur wissen, wovon wir weg wollen, kreisen wir innerlich oft um das Problem:

„Ich will nicht mehr so müde sein.“
„Ich will nicht mehr so einsam sein.“
„Ich will nicht mehr so funktionieren.“

Die Energie bleibt am Alten gebunden.
Es ist, als würden wir den ganzen Tag Unkraut ausreissen, ohne je zu überlegen,
welchen Garten wir eigentlich gestalten möchten.

Der logotherapeutische Schritt lautet:

Vom Problemfokus zum Sinnfokus
Vom „weg von“ zum „hin zu“

Das heisst nicht, dass Schmerzen, Traumata oder Belastungen unwichtig wären.
Es heisst aber, dass Heilung und Entwicklung nicht allein daraus entstehen,
dass wir „weniger Unkraut“ haben –
sondern daraus, dass wir mehr Leben in Form von Sinn, Werten und Beziehung in unseren „Garten“ bringen.


Wie sieht dein innerer Garten aus?

Wenn du magst, kannst du dich einen Moment fragen:

  • Wenn mein Leben im Moment ein Garten wäre – wie sähe er aus?
    Mehr „aufgeräumtes Schlachtfeld“ oder schon ein lebendiger Ort?

  • Womit bin ich hauptsächlich beschäftigt?
    Mit dem, was ich vermeiden will – oder mit dem, was ich gestalten will?

Viele Menschen merken in der Reflexion:

„Ich weiss genau, was ich nicht mehr will.
Aber ich habe mir noch kaum erlaubt zu formulieren, was ich wirklich will.“

Das „hin zu“ ist oft leiser, verletzlicher und braucht Mut.
Es zeigt sich in Sätzen wie:

  • „Ich möchte wieder Freude am Alltag spüren.“

  • „Ich möchte Beziehungen, in denen ich mich zumuten darf.“

  • „Ich möchte innerlich freier leben, auch wenn nicht alles perfekt wird.“

  • „Ich möchte Sinn in dem finden, was ich tue – und nicht nur funktionieren.“


Kleine Schritte in Richtung „Wohin“

Die Frage nach dem „Wohin“ muss nicht mit grossen Lebensplänen beantwortet werden.
Oft beginnt sie ganz klein und konkret:

  • Welchen einen Wert möchte ich in dieser Woche ein bisschen ernster nehmen?
    (z.B. Ehrlichkeit, Fürsorge, Mut, Verantwortung, Kreativität)

  • Welche Mini-Handlung könnte ein Samenkorn für das Leben sein, das ich möchte?
    Ein Telefonat, ein ehrliches Gespräch, eine Pause, ein „Nein“, ein „Ja“?

Auch in der Therapie geht es häufig darum, diesen inneren Kompass wieder zu entdecken.
Nicht als romantische Wunschliste, sondern als ernst gemeinte Ausrichtung:

„Kann ich – trotz allem, was mir widerfahren ist –
Schritte in Richtung dessen tun, was mir wirklich wesentlich ist?“


Weg von – ja. Aber wozu hin?

Zurück zu Aron:
Er jätet immer noch Unkraut.
Aber es ist nicht mehr der Mittelpunkt seines Lebens.

Im Zentrum steht jetzt die Frage:

„Was möchte ich wachsen sehen?“

Sein Garten hat sich verändert:

  • Es blüht.

  • Es summt.

  • Es duftet.

  • Und manchmal sitzt er einfach still auf seiner Bank und staunt.

Die alte Gärtnerin fasst es zusammen:

„Der Mensch ist nicht nur dazu bestimmt, vor etwas zu fliehen.
Er ist dazu fähig, sich auf etwas hin zu bewegen.“

Vielleicht ist heute ein guter Moment für deine eigene Frage:

Wovon laufe ich weg – und wohin will ich wirklich?


Reflexionsfragen zum Schluss

  • Welche Sätze beginnen in deinem Leben mit: „Ich will nicht mehr …“?

  • Wie würden diese Sätze klingen, wenn du sie ins Positive wendest:
    „Stattdessen möchte ich …“?

  • Welche drei kleinen „Samen“ könntest du in den nächsten Tagen setzen,
    die diesem „Wohin“ entsprechen?

AndrasM ☀️

Weisst Du nicht was du willst. Ich helfe dir dein Wohin zu finden.

👉 Mehr Informationen und Kontakt


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