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09.12.2025

Das Schiff

Das Schiff im Hafen –
Warum wir nicht für die Komfortzone gemacht sind

Es gibt einen Satz, der uns immer wieder begegnet:

„Ein Schiff wird nicht gebaut, um im Hafen zu liegen, sondern um neue Welten zu entdecken.“

Auf den ersten Blick klingt das nach einem schönen Motivationsspruch. Doch dahinter steckt eine tiefe Wahrheit über unser Menschsein:
Wir sind nicht für Stillstand gemacht. In uns lebt eine Sehnsucht nach Sinn, nach Entwicklung, nach einem Leben, das mehr ist als bloss funktionieren.

Die folgende Geschichte macht dieses Bild greifbar.


Die zwei Schiffe im Hafen

In einer alten Hafenstadt lagen zwei Schiffe Seite an Seite am Kai.

Das erste Schiff war gross, stabil gebaut, frisch gestrichen, ohne Kratzer. Es war stolz auf seine makellose Bordwand.

„Schau mich an“, sagte es zum anderen Schiff. „Ich bin noch nie in einen Sturm geraten. Keine Welle hat mich je geschlagen. Hier im Hafen bin ich sicher.“

Das zweite Schiff war kleiner. Das Holz war an einigen Stellen abgenutzt, die Farbe teilweise abgeblättert, am Mast sah man Spuren von Reparaturen.

Am Abend kam der alte Hafenmeister vorbei. Er strich über das glatte Holz des ersten und über die Narben des zweiten Schiffes.

Das stolze, makellose Schiff fragte:

„Hafenmeister, bin ich nicht das schönste Schiff im Hafen?“

Der Hafenmeister lächelte.

„Du bist sehr schön“, sagte er. „Aber ehrlich gesagt weiss ich nicht, ob du überhaupt schon ein richtiges Schiff bist.“

Empört fragte das Schiff:

„Wie kannst du das sagen? Siehst du nicht, wie perfekt ich bin?“

Der Hafenmeister legte die Hand auf den Mast des kleineren Schiffes:

„Dieses Schiff war in Stürmen draussen, hat neue Küsten gesehen, fremde Häfen angelaufen. Es hat Flauten überstanden, Menschen in Sicherheit gebracht.
Seine Narben erzählen Geschichten.“

Dann wandte er sich wieder dem makellosen Schiff zu:

„Ein Schiff wird nicht gebaut, um sicher im Hafen zu liegen.
Es wird gebaut, um hinauszufahren.
Wenn du immer hierbleibst, bleibst du vielleicht unversehrt – aber du wirst nie erfahren, wozu du wirklich fähig bist.“

In dieser Nacht konnte das Schiff lange nicht „schlafen“. Es hörte das Rauschen des Meeres, spürte den Wind in seinen Segeln – obwohl es noch fest vertaut am Kai lag.

Am nächsten Morgen traf es eine Entscheidung:
Die Taue wurden gelöst, der Anker gehoben. Unsicher, aber entschlossen glitt das Schiff aus dem Hafen. Die ersten Wellen waren ungewohnt, ein wenig beängstigend – aber zum ersten Mal fühlte es sich wie ein echtes Schiff.

„Vielleicht verliere ich meine Perfektion“, dachte es.
„Aber dafür finde ich meinen Sinn.“


Logotherapeutische Perspektive: Sinn statt blosser Sicherheit

In der Logotherapie nach Viktor Frankl steht nicht die Frage im Zentrum:

„Wie kann ich mich absichern?“
sondern:
„Wofür will ich leben?“

Der „Hafen“ steht für unsere Komfortzone: für das, was wir kennen – auch wenn es uns längst nicht mehr entspricht.
Draussen auf dem Meer liegen:

  • neue Erfahrungen

  • echte Begegnungen

  • Entscheidungen, die etwas kosten

  • Risiken, die uns verwundbar machen

Frankl spricht von der Spannung zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte. Genau diese Spannung brauchen wir, um innerlich lebendig zu bleiben. Ein Leben ohne Risiko, ohne Einsatz mag sicher wirken – aber es kann innerlich leer werden.

Narben – äusserlich oder innerlich – sind oft die Spuren von gelebtem Leben:
von mutigen Schritten, gescheiterten Versuchen, ehrlichen Gesprächen, schwierigen Entscheidungen.


Wo sind deine „Häfen“ – und welche Reise ruft?

Vielleicht erkennst du dich in einem der beiden Schiffe wieder.

  • Das makellose Schiff: Du funktionierst, vermeidest Konflikte, hältst vieles unter Kontrolle. Nach aussen wirkt alles ruhig und geordnet – nach innen spürst du vielleicht Leere, Unruhe oder den leisen Verdacht: „Das kann doch nicht alles gewesen sein.“

  • Das gezeichnete Schiff: Du hast Stürme erlebt, Enttäuschungen, Verluste, vielleicht auch Fehler. Deine „Narben“ erinnern dich an schmerzhafte Zeiten – und doch sind sie Zeichen dafür, dass du gelebt, geliebt, gekämpft hast.

Die Frage ist nicht:

„Wie vermeide ich jedes Risiko?“
sondern eher:
„Welchem Sinn bin ich bereit zu dienen – auch mit dem Risiko von Schmerz und Verletzlichkeit?“


Reflexionsfragen

Vielleicht magst du folgende Fragen stellen:

  • In welchem „Hafen“ halte ich mich vielleicht schon zu lange auf?

  • Welche Entscheidung schübe ich vor mir her, obwohl ich innerlich längst spüre, dass sie ansteht?

  • Welche „Narben“ in meinem Leben könnte ich nicht nur als Makel, sondern als Spuren gelebten Sinns verstehen?

  • Wo spüre ich eine leise Sehnsucht nach „mehr“ – nach Tiefe, Ehrlichkeit, Sinn?


Wenn das Meer ruft, aber die Angst gross ist

Viele Menschen spüren eine innere Spannung:
Ein Teil sehnt sich nach Veränderung – ein anderer Teil hält an Sicherheit und Gewohnheit fest.

Ein Schiff muss nicht gleich um die halbe Welt fahren.
Manchmal beginnt alles damit, die Taue nur ein kleines Stück zu lösen und zum ersten Mal den Wind wirklich zu spüren.

AndrasM ☀️

In einer therapeutischen oder beratenden Begleitung kann es hilfreich sein,

  • diese inneren Anteile zu Wort kommen zu lassen,

  • Ängste ernst zu nehmen, ohne dass sie das Steuer übernehmen,

  • Schritt für Schritt herauszufinden, welche „Reise“ als nächster sinnvoller Schritt ansteht – nicht spektakulär, aber echt.

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