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07.12.2025

Psychiatrische Credo

Die übermalte Ikone – Eine Geschichte zum psychiatrischen Credo

Viktor Frankl bringt das Herz seiner Sicht auf den Menschen in einem Satz auf den Punkt:

„Die geistige Person des Menschen ist störbar, aber nicht zerstörbar.“

Körper und Psyche können schwer krank werden, verwirrt, verletzt oder „überlagert“ sein –
aber der geistige Wesenskern, die Person, bleibt unantastbar.
Dazu eine kleine Geschichte.


Die Geschichte von der übermalten Ikone

In einem alten Kloster wurde ein Mann aufgenommen, der schwer psychisch krank war.
Er schrie nachts, war misstrauisch, warf mit Dingen und redete wirr.

Ein junger Mönch hielt das kaum aus. Eines Abends ging er zum Abt:

„Vater, ich verstehe es nicht.
Dieser Mann beschimpft uns, ist aggressiv und völlig verwirrt.
Ist da überhaupt noch etwas Heiles in ihm?“

Der Abt bat ihn, ihm auf den Dachboden zu folgen.

Dort lag eine grosse alte Ikone – ein Bild von Christus – komplett mit grauer Farbe überstrichen.
Man sah nur noch eine stumpfe, langweilige Fläche. Das ursprüngliche Bild war unsichtbar.

Der Abt fragte:
„Was siehst du?“

„Eine alte, hässliche Holzplatte“, antwortete der Mönch.
„Gross, schwer, ruiniert.“

Der Abt nickte.

„Und doch liegt unter all diesen Schichten noch immer die Ikone.
Das Original ist nicht zerstört worden – nur übermalt.
Wir könnten Schicht um Schicht abtragen.
Es wäre mühsam und nicht perfekt –
aber das Bild darunter bleibt kostbar.“

Dann sah er den jungen Mönch an:

„So ist es mit diesem Mann unten in der Krankenstube.
Sein Körper und seine Psyche sind wie diese Oberfläche: verletzt,
verwirrt, überlagert.
Aber die geistige Person – das Bild – ist nicht zerstört.
Unsere Aufgabe ist nicht, über die Farbe zu schimpfen,
sondern dem Bild in ihm treu zu bleiben.“

Der Mönch schwieg lange. Schliesslich fragte er:

„Und wenn ich gar nichts mehr von der Ikone sehen kann?“

Der Abt lächelte:

„Dann musst du dich entscheiden, trotzdem an sie zu glauben.
Das ist unser Credo:
Die geistige Person ist störbar, aber nicht zerstörbar.

Von diesem Tag an sah der Mönch den Kranken anders.
Der Mann blieb laut, schwierig, verwirrt –
aber für den Mönch war er nicht mehr „der Verrückte“,
sondern ein Mensch mit einem verborgenen, unzerstörbaren Bild in sich.


Was diese Geschichte für Psychiatrie und Psychotherapie bedeutet

Die Geschichte macht greifbar, was Frankls psychiatrisches Credo meint:

  • Diagnose ≠ Person
    Eine Diagnose beschreibt etwas Richtiges, aber nie das Ganze.
    Sie ist wie eine Farbschicht – nicht die Ikone selbst.

  • Symptome übermalen, aber zerstören nicht
    Wahn, Depression, Sucht, Demenz – all das kann sehr viel verdecken.
    Aber die geistige Person dahinter bleibt ansprechbar und würdig.

  • Haltung der Fachperson
    Psychiatrische und psychotherapeutische Arbeit bedeutet dann:
    nicht nur auf die „Farbe“ zu starren,
    sondern sich innerlich auf das Bild darunter zu beziehen.

In meiner eigenen Arbeit (Hypnose- & Mental-Therapie / Logotherapie) heißt das:

  • Ich sehe Menschen nicht als ihre Störung, sondern mit einer Störung.

  • Ich traue ihnen zu, dass mehr in ihnen lebt, als sie gerade zeigen können.

  • Ich spreche die geistige Person an – auch wenn Körper und Psyche im Moment laut „dagegen“ sprechen.


Fazit: Treue zum Bild

Die Geschichte von der übermalten Ikone lädt zu einer inneren Entscheidung ein:

Sehe ich nur die Schichten – oder bleibe ich dem Bild treu?

AndrasM ☀️

 
Für mich ist das psychiatrische Credo Frankls eine tägliche Erinnerung:
Die geistige Person des Menschen ist störbar, aber nicht zerstörbar.
Und genau dort, in diesem unzerstörbaren Kern, beginnt Therapie im eigentlichen Sinn.

👉 Mehr Informationen und Kontakt


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