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01.12.2025

Die Fussabdrücke

Die Geschichte vom Jungen und dem dritten Fussabdruck

Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf, eingeklemmt zwischen Bergen und einem tiefen Wald, ein Junge namens Aron. Er war ein stilles Kind, das oft das Gefühl hatte, allein zu sein – sogar mitten unter den Menschen.

Sein Vater war früh gestorben, seine Mutter arbeitete von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und die anderen Kinder lachten manchmal über seine Nachdenklichkeit. Wenn Aron abends im Bett lag, fragte er sich oft:

„Wer passt eigentlich auf mich auf?
Wenn ich falle – fange ich mich dann ganz alleine auf?“

Eines Tages schickte die Mutter ihn in den Wald, um Holz zu sammeln. Ein Sturm kündigte sich an, dunkle Wolken zogen auf, der Wind wurde kalt und scharf. Aron band sich den Mantel fester um den Körper, hob das Bündel Holz auf und machte sich auf den Heimweg.

Doch je tiefer er in den Wald hineinlief, desto dichter wurde der Nebel. Die bekannten Pfade verschwanden, und Aron merkte, dass er die Orientierung verloren hatte. Sein Herz begann schneller zu schlagen.

„Ich bin allein…“, dachte er. „Wenn mir jetzt etwas passiert, findet mich niemand.“

Er versuchte ruhig zu atmen, doch in ihm wuchs die Panik. Der Wind ließ die Bäume ächzen, irgendwo knackte ein Ast. Aron beschleunigte seine Schritte, stolperte, schlug hin, und das Holz verteilte sich im nassen Laub.

Tränen schossen ihm in die Augen.

„Warum ist niemand da? Warum muss ich immer allein kämpfen?“

Er setzte sich auf einen Stein, den Kopf in den Händen. So sass er eine Weile, bis er plötzlich etwas Merkwürdiges bemerkte: Zwischen den Wurzeln einer alten Eiche war der Boden nicht so schlammig wie rundherum. Ein schmaler Pfad zeichnete sich ab – als hätte jemand ihn frei gehalten.

Aron wischte sich die Tränen ab. Vielleicht war es nur Zufall. Aber der Pfad wirkte… einladend. Vorsichtig stand er auf und folgte dem schmalen Weg.

Der Nebel war immer noch da, aber genau auf diesem Pfad schien er ein wenig heller zu sein. Aron lief, Schritt für Schritt. Nach einer Weile blieb er stehen und blickte nach unten. Im weichen Waldboden waren Fussspuren zu erkennen.

Zwei Reihen Fussabdrücke – wie von einem Erwachsenen, der vor ihm gegangen war.

Aron runzelte die Stirn. Er war sicher, niemandem begegnet zu sein. Und doch waren die Spuren frisch, noch nicht vom Regen verwischt.

„Vielleicht finde ich denjenigen“, dachte er, „und der Weg führt mich aus dem Wald.“

Er folgte den Spuren. Je länger er ging, desto ruhiger wurde er. Die Angst war nicht weg – aber sie war nicht mehr alles. Es war ein seltsames Gefühl: da war jemand vor ihm gegangen, der offenbar wusste, wohin.

Nach einer Weile aber geschah etwas Neues. Neben den großen Fußspuren erschienen, wie aus dem Nichts, kleinere. Seine eigenen.

Aron blieb stehen. Er schaute zurück: Hinter ihm – zwei Reihen Fußabdrücke, nebeneinander. Eine grosse, eine kleine, große, kleine… als wäre er mit jemandem gemeinsam gegangen.

Er kniff die Augen zusammen. „Das kann nicht sein“, murmelte er. „Ich bin doch alleine losgelaufen.“

Im selben Moment wehte ein Windstoß durch die Bäume, und für einen Augenblick war das Heulen des Sturms leiser. Aron glaubte, eine Stimme zu hören – oder war es nur der Wind?

„Du warst nie allein.“

Er schüttelte den Kopf. Vielleicht spielte ihm die Angst einen Streich. Er ging weiter. Der Pfad wurde breiter, der Wald lichter. Weit entfernt hörte er das Läuten der Dorfkirche – ein vertrautes Geräusch. Er war gar nicht mehr so weit von zu Hause entfernt.

Als er aus dem Wald trat und auf den Feldweg kam, schaute er noch einmal zurück. Im weichen Boden am Waldrand: wieder zwei Reihen Fußspuren, eine grosse, eine kleine. Aber genau an der Stelle, wo er gestürzt war und weinend auf dem Stein gesessen hatte, sah man etwas Besonderes:

Dort waren nur die grossen Fussabdrücke.

Keine Spur von seinen eigenen.

Aron stand still, der Regen tropfte von seinem Haar. Sein Herz schlug langsam, schwer – aber nicht vor Angst. Eher vor einem tiefen Staunen.

„Also…“, flüsterte er, „…genau da, wo ich dachte, ich bin ganz allein, warst du am nächsten bei mir.“

Er wusste nicht, zu wem er sprach. Er kannte keinen Namen und kein Bild. Aber in diesem Moment spürte er etwas, das er nie zuvor so klar gefühlt hatte:
Dass ein Blick auf ihn ruhte.
Dass eine Hand ihn hielt, wenn seine Knie nachgaben.
Dass jemand, den er nicht sehen konnte, dennoch da war.

Als Aron zuhause ankam, fragte ihn die Mutter erschrocken: „Wo warst du so lange? Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Ich habe die ganze Zeit an dich gedacht.“

Aron lächelte müde und legte das Holz ab.

„Ich war im Wald“, sagte er. „Ich dachte, ich sei allein. Aber jetzt glaube ich… es schauen mehr Augen auf mich, als ich je sehen kann.“

Seine Mutter verstand nicht ganz, was er meinte, aber sie drückte ihn fest an sich. Aron spürte ihre Arme – und gleichzeitig etwas darüber hinaus. Eine Geborgenheit, die tiefer ging als jeder menschliche Arm.

Von diesem Tag an fühlte er sich noch oft einsam. Er fiel, scheiterte, zweifelte. Aber jedes Mal, wenn er dachte: „Jetzt bin ich wirklich allein“, stellte er sich die Spuren im Waldboden vor.

Und in seiner Vorstellung war da immer ein dritter Fussabdruck – grösser als all die anderen – genau an den Stellen, wo seine eigenen verschwanden.

Was mich daran berührt

Viele Menschen erzählen mir Sätze wie:
„Ich muss alles alleine schaffen.“
„Wenn ich falle, fängt mich niemand auf.“
„Auf mich schaut ja sowieso keiner.“

Aber oft zeigt sich:
In den dunkelsten Phasen war doch jemand da.
Eine Hand, ein Blick, ein Wort.
Manchmal ein Mensch.
Manchmal etwas, das wir nicht genau benennen können –
aber wir spüren, dass wir getragen wurden.

Vielleicht ist die Frage nicht:
👉 „Bin ich allein?“
sondern eher:
👉 „Wen oder was übersehe ich gerade, der/das mich unterstützt?“

AndrasM ☀️

 

Frage an dich:

Wann in deinem Leben dachtest du: „Jetzt bin ich komplett allein“ –
und hast im Rückblick gemerkt: Ganz allein war ich doch nicht?

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