24.11.2025
Bittere Olive

Die bittere Olive
Man erzählt von einem alten Handwerksmeister in einem kleinen Mittelmeer-Städtchen.
In seiner Werkstatt lernte ein junger Lehrling, der zwar talentiert war – aber eine grosse Schwäche hatte:
Er schob alles vor sich her, was er nicht mochte.
Rechnungen schreiben? Später.
Den Hof kehren? Wenn es unbedingt sein muss.
Dem schwierigsten Kunden zurückrufen? Morgen.
So begann jeder Tag für ihn mit kleinen Fluchten – und endete mit grossem Stress.
Der Meister beobachtete ihn eine Weile, sagte aber nichts.
Der seltsame Auftrag
Eines Morgens stellte der Meister eine kleine Schale mit einer einzigen schwarzen Olive auf den Arbeitstisch des Jungen.
„Bevor du heute gehst“, sagte er,
„musst du diese Olive essen.
Du darfst frei wählen, wann – aber nicht, ob.“
Der Lehrling lachte. „Das bisschen Olive!“ – und machte sich an die Arbeit.
Doch die Olive war stark eingelegt, bekannt dafür, sehr bitter zu schmecken.
Allein der Gedanke daran war ihm unangenehm.
Also begann er wie immer mit den angenehmen Dingen:
-
erst das einfache Schleifen,
-
dann ein Schwätzchen mit einem Kunden,
-
dann ein Kaffee.
Immer wieder fiel sein Blick auf die Olive.
Je länger er wartete, desto grösser wurde der Widerstand in ihm.
Am Abend ass er sie hastig, verzog das Gesicht – und ging schlecht gelaunt nach Hause.
So ging es mehrere Tage.
Jeden Morgen lag wieder eine Olive da.
Und jeden Tag wartete er.
Und jeden Tag war der Gedanke an die bittere Olive im Hintergrund – wie eine kleine dunkle Wolke.
Der Wendepunkt
Eines Tages war der Lehrling besonders gestresst.
Es gab Reklamationen, ein Werkzeug war kaputt, der Ofen machte Probleme.
Er schaute auf die Olive und seufzte:
„Wegen dir habe ich den ganzen Tag ein mulmiges Gefühl…“
In einem Anflug von Trotz griff er sich die Schale gleich am Morgen, steckte die Olive in den Mund, kaute – bitter, ja – aber nach ein paar Sekunden war es vorbei.
Er wartete darauf, dass es schlimmer würde.
Es wurde nicht schlimmer. Es war einfach erledigt.
Zu seiner Überraschung merkte er:
-
Seine Schultern waren entspannter.
-
Er konzentrierte sich besser.
-
Selbst die Reklamationen wirkten weniger bedrückend.
Am Abend sagte er zum Meister:
„Komisch. Heute war ein schwieriger Tag – aber er hat sich leichter angefühlt.“
Der Meister nickte nur und stellte am nächsten Morgen wieder eine Olive hin.
Die Erkenntnis
Nach einigen Tagen hatte der Lehrling sich angewöhnt, die Olive gleich als erstes zu essen.
Es war nicht angenehm, aber er wusste:
Je früher ich sie esse, desto früher bin ich frei.
Eines Abends fragte er den Meister:
„Warum machst du das mit der Olive?“
Der Alte lächelte:
„Die Olive bist nicht du –
sie ist nur das, was du sowieso tun musst und nicht magst.
Je länger du wartest, desto grösser machst du sie in deinem Kopf.
Der Tag wird von einem winzigen Stück Bitterkeit überschattet.Iss du lieber das Bittere zuerst –
dann schmeckt der Rest des Tages milder.“
Von da an begann der Lehrling jeden Tag mit der „bitteren Olive“:
-
erst die schwerste Aufgabe,
-
den unangenehmsten Anruf,
-
die unangenehme Entscheidung.
Und er bemerkte:
Nicht nur seine Arbeit wurde besser – auch seine innere Ruhe wuchs.
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