11.05.2026
Der stille Samariter

Die stillen Samariter unserer Zeit
Es gibt sehr viele Menschen, die anderen Menschen in Not helfen. Kostenlos. Nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen.
In der Schweiz ist es zum Beispiel die 143 – Die Dargebotene Hand. In Österreich die 142 – TelefonSeelsorge. In Deutschland die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111.
Allein in der Schweiz werden jährlich rund 200’000 Gespräche geführt. In Deutschland sind es rund 1,2 Millionen Anrufe pro Jahr. Österreichs TelefonSeelsorge wird von rund 800 Ehrenamtlichen mitgetragen und ist unter 142 rund um die Uhr erreichbar.
Das sind beeindruckende Zahlen. Und doch sind es nicht einfach Zahlen.
Hinter jedem Anruf steht ein Mensch.
Ein Mensch in einer schwierigen Situation.
Ein Mensch mit Sorgen, Angst, Einsamkeit, Verzweiflung oder innerer Not.
Ein Mensch, der vielleicht mitten in der Nacht nicht mehr weiterweiss.
Und auf der anderen Seite ist jemand, der zuhört.
Jemand, der nicht bewertet.
Jemand, der nicht sofort Ratschläge verteilt.
Jemand, der einfach da ist.
Die alte Geschichte vom barmherzigen Samariter
Eine alte Geschichte erzählt von einem Mann, der auf seinem Weg überfallen wurde. Er wurde verletzt, ausgeraubt und blieb am Strassenrand liegen.
Mehrere Menschen kamen vorbei. Sie sahen ihn – und gingen weiter.
Vielleicht hatten sie gute Gründe. Vielleicht waren sie in Eile. Vielleicht wollten sie sich nicht einmischen. Vielleicht dachten sie: «Das ist nicht meine Aufgabe.»
Dann kam ein Samariter vorbei.
Er sah den verletzten Menschen und blieb stehen. Er versorgte seine Wunden, hob ihn auf sein Tier, brachte ihn in eine Herberge und sorgte dafür, dass er weiter gepflegt wurde.
Er fragte nicht:
«Wer bist du?»
«Was bringt mir das?»
«Gehörst du zu meiner Gruppe?»
«Werde ich dafür bezahlt?»
«Bekomme ich etwas zurück?»
Er sah einen Menschen in Not. Und er handelte.
Humanität fragt nicht zuerst nach Gewinn
Diese Geschichte ist alt. Aber sie berührt eine sehr aktuelle Frage.
Wir leben in einer Zeit, in der viel über Wachstum, Effizienz, Leistung und Gewinnmaximierung gesprochen wird. Vieles wird danach bewertet, ob es sich lohnt. Ob es rentiert. Ob es messbar ist. Ob es einen Vorteil bringt.
Gleichzeitig gibt es unzählige Menschen, die etwas tun, das sich wirtschaftlich kaum erklären lässt.
Sie hören zu.
Sie helfen.
Sie begleiten.
Sie pflegen.
Sie spenden Zeit.
Sie gehen in Krisengebiete.
Sie besuchen Einsame.
Sie bleiben am Telefon, wenn jemand nicht mehr weiterweiss.
Ärzte ohne Grenzen. Telefonseelsorge. Besuchsdienste. Hospize. Freiwillige Feuerwehr. Nachbarschaftshilfe. Krisenbegleitung. Viele andere Organisationen und viele einzelne Menschen, über die kaum jemand spricht.
Diese Arbeit geschieht oft im Stillen.
Aber sie ist nicht klein.
Vielleicht wird unsere Gesellschaft nicht nur durch Gesetze, Institutionen und Wirtschaft zusammengehalten. Vielleicht wird sie vor allem durch diese stillen Gesten getragen.
Die Frage nach dem Sinn
Aus logotherapeutischer Sicht ist Sinn nicht einfach etwas, das man theoretisch findet. Sinn zeigt sich oft in einer konkreten Situation.
Das Leben fragt:
«Was tust du jetzt?»
«Was braucht dieser Mensch?»
«Welche Antwort gibst du?»
«Gehst du vorbei – oder bleibst du stehen?»
Der barmherzige Samariter fand seinen Sinn nicht in einer grossen Idee. Er fand ihn in einem konkreten Moment. Am Wegrand. Vor einem verletzten Menschen.
Vielleicht ist das auch heute so.
Sinn entsteht nicht nur dort, wo wir erfolgreich sind.
Nicht nur dort, wo wir gewinnen.
Nicht nur dort, wo wir Anerkennung bekommen.
Sinn entsteht oft dort, wo wir gebraucht werden.
Warum könnten wir nicht alle humanitärer da sein?
Nicht jeder Mensch kann bei einer Telefonseelsorge mitarbeiten. Nicht jeder kann in ein Krisengebiet reisen. Nicht jeder hat die Kraft, grosse Aufgaben zu übernehmen.
Aber jeder Mensch kann irgendwo ein wenig humanitärer sein.
Im Gespräch.
In der Familie.
Am Arbeitsplatz.
In der Nachbarschaft.
Im Umgang mit fremden Menschen.
In der Art, wie wir zuhören.
In der Art, wie wir reagieren, wenn jemand schwach ist.
Humanität beginnt nicht erst bei grossen Taten. Sie beginnt oft im Kleinen.
Ein offenes Ohr.
Ein ehrliches Nachfragen.
Ein Moment Geduld.
Ein Blick, der sagt: «Ich sehe dich.»
Ein Nicht-Vorbeigehen.
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir einander weniger als Konkurrenz und mehr als Mitmenschen sehen würden.
Zum Mitnehmen
Die stillen Helferinnen und Helfer unserer Zeit leisten eine Arbeit, über die viel zu wenig gesprochen wird.
Sie tragen keine grossen Titel.
Sie stehen selten im Rampenlicht.
Sie erscheinen kaum in Schlagzeilen.
Und doch sind sie für viele Menschen genau im richtigen Moment da.
Vielleicht sind sie die Samariter unserer Zeit.
Und vielleicht erinnert uns ihre Arbeit daran, dass Menschlichkeit nicht zuerst eine Theorie ist. Menschlichkeit ist eine Entscheidung.
Die Entscheidung, nicht vorbeizugehen.
#AndrasM ☀️
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