30.04.2026
Nicht der Honig hält uns fest

Sucht als Symptom und Verantwortung als Weg zur Freiheit
Wir leben in einer Zeit, in der sehr viel über Abhängigkeit gesprochen wird.
Social Media macht süchtig.
Das Handy macht süchtig.
Zucker macht süchtig.
Konsum macht süchtig.
Anerkennung macht süchtig.
Arbeit kann süchtig machen.
Sogar dauerndes Sorgen kann süchtig machen.
Und ja, vieles in unserer modernen Welt ist so gestaltet, dass es unsere Aufmerksamkeit möglichst lange bindet. Plattformen leben davon, dass wir bleiben. Sie kennen unsere Reaktionen, unsere Schwächen, unsere Sehnsüchte und unsere inneren Suchbewegungen oft besser, als uns lieb ist.
Doch bei aller berechtigten Kritik stellt sich für mich noch eine tiefere Frage:
Warum brauchen wir überhaupt etwas, das uns süchtig machen kann?
Denn Sucht ist aus meiner Sicht selten die eigentliche Ursache. Sie ist meistens ein Symptom.
Ein Symptom für etwas, das tiefer liegt.
Die Schale mit Honig
Eine alte Weisheitsgeschichte erzählt von einem jungen Mann, der zu einem Meister kam.
„Meister“, sagte er, „die Welt ist voller Verführungen. Überall gibt es Dinge, die mich ablenken, festhalten und schwach machen. Wie soll man da frei bleiben?“
Der Meister hörte ihm ruhig zu. Dann nahm er eine kleine Schale, füllte sie mit Honig und stellte sie vor den jungen Mann.
„Steck deinen Finger hinein“, sagte er.
Der junge Mann tat es. Der Honig war süss und duftete wunderbar.
„Und jetzt“, sagte der Meister, „zieh deinen Finger wieder heraus.“
Der junge Mann zog den Finger heraus.
Da sagte der Meister:
„Siehst du? Der Honig hat dich nicht festgehalten.“
Der junge Mann schwieg.
Der Meister fuhr fort:
„Der Honig ist süss. Das ist seine Natur. Er ruft nicht nach dir. Er zwingt dich nicht. Er bindet dich nicht. Aber wenn du immer wieder deinen Finger hineintauchst, wenn du immer wieder meinst, du müsstest noch einmal kosten, dann entsteht eine Gewohnheit. Und wenn du dann sagst: ‚Der Honig macht mich unfrei‘, hast du nur die halbe Wahrheit erkannt.“
Der junge Mann fragte:
„Aber was ist, wenn der Honig stärker ist als ich?“
Der Meister sah ihn freundlich an und antwortete:
„Dann frage nicht zuerst nach dem Honig. Frage nach dem Hunger in dir.“
Nicht der Reiz allein ist das Problem
Diese Geschichte zeigt etwas Wesentliches.
Natürlich gibt es äussere Reize.
Natürlich gibt es Versuchungen.
Natürlich gibt es Systeme, die uns binden wollen.
Social Media ist dafür ein gutes Beispiel. Es liefert schnelle Belohnung. Es gibt Ablenkung, Bestätigung, Vergleich, Unterhaltung und scheinbare Nähe. Es füllt kleine Zwischenräume. Es vertreibt Langeweile. Es schenkt für einen Moment das Gefühl, verbunden zu sein.
Doch genau hier beginnt die eigentliche Frage:
Was suche ich dort?
Suche ich Ruhe?
Suche ich Anerkennung?
Suche ich Zugehörigkeit?
Suche ich Ablenkung von mir selbst?
Suche ich Trost?
Suche ich einen kurzen Moment, in dem ich nichts fühlen muss?
Suche ich Sinn, ohne ihn wirklich zu finden?
Sucht entsteht oft dort, wo ein innerer Hunger nicht erkannt wird.
Es ist nicht nur der Honig.
Es ist der Hunger.
Sucht ist oft ein Symptom
Wenn ein Mensch immer wieder zu etwas greift, obwohl es ihm langfristig nicht guttut, dann ist es wenig hilfreich, nur mit moralischem Druck zu reagieren.
„Hör doch einfach auf.“
„Du musst nur disziplinierter sein.“
„Du bist halt willensschwach.“
Solche Sätze helfen selten. Oft verstärken sie sogar Scham und Rückzug.
Denn hinter einer Sucht, einer Abhängigkeit oder einer zwanghaften Gewohnheit steht oft nicht einfach Schwäche. Häufig steht dahinter ein unerfülltes Bedürfnis, ein Schmerz, eine Leere oder eine innere Spannung, die nicht anders reguliert werden kann.
Sucht kann ein Versuch sein, etwas auszuhalten.
Einsamkeit.
Überforderung.
Angst.
Traurigkeit.
Sinnlosigkeit.
Innere Unruhe.
Nicht gelebtes Leben.
Darum ist die Frage nicht nur:
Wie werde ich das Verhalten los?
Sondern auch:
Was zeigt mir dieses Verhalten über mein Leben?
Verantwortung ist nicht Schuld
Wenn wir über Verantwortung sprechen, wird sie schnell mit Schuld verwechselt.
Verantwortung klingt für viele wie ein Vorwurf:
„Du bist selber schuld.“
„Du hast es ja so gewählt.“
„Dann musst du halt mit den Folgen leben.“
Doch das ist nicht die tiefere Bedeutung von Verantwortung.
Verantwortung bedeutet nicht, sich selbst zu verurteilen.
Verantwortung bedeutet, wieder antwortfähig zu werden.
Ich kann beginnen, auf mein Leben zu antworten.
Nicht perfekt.
Nicht immer sofort.
Nicht immer allein.
Aber ich kann beginnen zu sehen:
Ich habe Anteil an der Richtung meines Lebens.
Vielleicht bin ich nicht schuld an allem, was geschehen ist.
Vielleicht bin ich nicht schuld an meiner Prägung, meinen Verletzungen, meinen Ängsten oder meiner inneren Leere.
Aber ich bin gefragt, wie ich heute damit umgehe.
Genau hier liegt Würde.
Entscheidung und Folge gehören zusammen
Jede Entscheidung hat eine Wirkung.
Wenn ich immer wieder zum Handy greife, hat das eine Wirkung.
Wenn ich schwierige Gefühle immer betäube, hat das eine Wirkung.
Wenn ich Verantwortung vermeide, hat das eine Wirkung.
Wenn ich mich ständig ablenke, hat das eine Wirkung.
Wenn ich mich aber bewusst entscheide, anders mit mir umzugehen, hat auch das eine Wirkung.
Entscheidung und Verantwortung gehören zusammen.
Das ist nicht immer angenehm. Aber es ist befreiend.
Denn solange ich nur sage:
„Die Plattform ist schuld.“
„Die anderen sind schuld.“
„Die Umstände sind schuld.“
„Ich kann nicht anders.“
bleibe ich innerlich abhängig.
Vielleicht sogar mehr von meiner Haltung als von der Sache selbst.
In dem Moment aber, in dem ich sage:
„Ich will verstehen, was in mir geschieht.“
„Ich will erkennen, was ich wirklich suche.“
„Ich will wieder eine Wahl haben.“
„Ich entscheide mich für meine Freiheit.“
beginnt ein anderer Weg.
Der Raum zwischen Reiz und Reaktion
In der Logotherapie Viktor Frankls spielt die Freiheit des Menschen eine zentrale Rolle.
Damit ist nicht gemeint, dass wir immer frei von Umständen sind. Das sind wir nicht. Wir sind geprägt, beeinflusst, verletzt, verführt und manchmal auch überfordert.
Aber der Mensch ist nicht nur Reaktion.
Er kann Stellung nehmen.
Er kann sich zu sich selbst verhalten.
Er kann eine Haltung wählen.
Er kann sich fragen, wofür er leben will.
Zwischen dem Reiz und der Reaktion gibt es einen inneren Raum. Manchmal ist dieser Raum sehr klein. Manchmal muss er erst wieder entdeckt werden. Doch genau dort beginnt Freiheit.
Nicht als grosse Theorie.
Sondern ganz praktisch.
Beim nächsten Griff zum Handy.
Beim nächsten automatischen Scrollen.
Beim nächsten Impuls, sich abzulenken.
Beim nächsten inneren Druck, etwas sofort betäuben zu müssen.
Vielleicht kann dann eine kleine Frage entstehen:
Was suche ich gerade wirklich?
Diese Frage kann viel verändern.
Nicht gegen den Honig, sondern für die Freiheit
Es geht nicht darum, den Honig zu verteufeln.
Social Media ist nicht nur schlecht.
Konsum ist nicht nur schlecht.
Genuss ist nicht schlecht.
Ablenkung ist nicht immer falsch.
Die Frage ist nicht, ob etwas süss ist.
Die Frage ist:
Bin ich noch frei im Umgang damit?
Kann ich wählen?
Kann ich aufhören?
Kann ich verzichten?
Kann ich spüren, was ich wirklich brauche?
Kann ich Verantwortung übernehmen für das, was ich tue?
Freiheit beginnt nicht dort, wo keine Versuchung mehr existiert.
Freiheit beginnt dort, wo ich mir selbst begegne.
Vielleicht ist genau das die tiefere Einladung jeder Abhängigkeit: Sie zeigt mir, wo ich noch nicht frei bin. Sie zeigt mir, wo ein Hunger wirkt, den ich bisher falsch zu stillen versucht habe.
Und dann kann aus einem Symptom ein Wegweiser werden.
Nicht gegen mich.
Sondern zu mir.
Schlussgedanke
Der Honig hält uns nicht fest.
Aber er zeigt uns manchmal, wo wir hungrig sind.
Und wenn wir diesen Hunger ernst nehmen, beginnt Verantwortung nicht als Last, sondern als Möglichkeit.
Die Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen.
Die Möglichkeit, die Folgen dieser Entscheidung zu tragen.
Die Möglichkeit, dem eigenen Leben wieder eine Richtung zu geben.
Nicht aus Schuld.
Sondern aus Würde.
Nicht aus Zwang.
Sondern aus Freiheit.
Nicht gegen die Welt.
Sondern für das eigene Leben.
#AndrasM ☀️
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