18.04.2026
Die Vergebung

Wen befreit Vergebung wirklich?
Wir sprechen viel über Vergebung. Oft so, als wäre sie ein äusserer Akt: Man geht auf jemanden zu und sagt: „Ich vergebe dir.“ Doch das Leben ist meistens nicht so einfach.
Was ist, wenn die betreffende Person bereits verstorben ist?
Was, wenn der andere nie Einsicht zeigt?
Was, wenn der Schmerz zu tief sitzt?
Und was, wenn ich merke, dass der Mensch, dem ich am schwersten vergebe, ich selbst bin?
Dann wird deutlich: Vergebung geschieht nicht in erster Linie zwischen zwei Menschen. Sie beginnt im Inneren.
Vergebung heisst nicht, Unrecht kleinzureden. Sie heisst nicht, Grenzen aufzugeben. Sie heisst nicht, sich mit einem Täter zu versöhnen oder so zu tun, als wäre nichts gewesen. Echte Vergebung kann sogar bedeuten, auf Distanz zu bleiben und dennoch innerlich nicht mehr an die Verletzung gefesselt zu sein.
Dazu passt eine einfache Geschichte.
Ein alter Mann trug über viele Jahre einen dunklen Stein in einem kleinen Lederbeutel mit sich. Der Stein erinnerte ihn an einen Verrat, der sein Leben geprägt hatte. Solange er ihn bei sich trug, glaubte er, der Wahrheit treu zu bleiben. Der Stein war sein Beweis, dass Unrecht geschehen war.
Doch langsam merkte er: Der Stein erinnerte ihn nicht nur an das Geschehene – er hielt es in ihm lebendig.
Eines Tages sass er an einem stillen See. Da wurde ihm klar: Wenn er den Stein losliess, bedeutete das nicht, dass das Geschehene gut war. Es bedeutete nur, dass er nicht länger bereit war, die Last jeden Tag neu mit sich herumzutragen.
Er sagte leise:
„Ich lasse dich nicht frei, weil du recht hattest. Ich lasse dich frei, damit ich nicht an dich gebunden bleibe. Und ich lasse auch mich frei.“
Dann liess er den Stein ins Wasser sinken.
Der Schmerz war nicht auf einen Schlag verschwunden. Aber etwas wurde leichter.
Genau hier berührt die Geschichte einen zentralen Gedanken der Logotherapie Viktor E. Frankls. Der Mensch ist nicht völlig frei von Bedingungen. Er kann nicht alles ungeschehen machen. Er kann nicht jede Wunde verhindern. Aber er besitzt eine letzte innere Freiheit: die Freiheit, Stellung zu beziehen zu dem, was ihm widerfahren ist.
Vergebung kann Ausdruck dieser Freiheit sein.
Nicht als moralischer Zwang.
Nicht als billige Vertröstung.
Nicht als spirituelle Floskel.
Sondern als reifer innerer Schritt: Ich entscheide, dass das Vergangene nicht weiter mein Inneres besetzen soll.
Manchmal betrifft diese Vergebung einen anderen Menschen.
Manchmal einen verstorbenen Vater, eine frühere Partnerin, einen Menschen, der nie um Verzeihung bat.
Und manchmal betrifft sie uns selbst – für Fehlentscheidungen, Schuld, Versäumnisse, Schwäche oder Lebenswege, die anders verliefen als erhofft.
Gerade Selbstvergebung ist oft besonders schwer. Denn wir kennen alle unsere Motive, unser Versagen, unsere verpassten Chancen. Doch auch hier geht es nicht darum, etwas schönzureden. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen, wo es möglich ist, und zugleich aufzuhören, sich innerlich auf ewig zu verurteilen.
Vergebung ist deshalb kein Vergessen.
Sie ist ein Loslassen der inneren Fessel.
Vielleicht ist das ihr tiefster Sinn:
Nicht den anderen zu entlasten, sondern das eigene Herz aus der ständigen Bindung an Schmerz, Wut und Anklage zu lösen.
Oder anders gesagt:
Vergebung heisst nicht, dass der Stein nie da war.
Vergebung heisst, dass ich ihn nicht mehr in meinem Herzen tragen muss.
#AndrasM ☀️
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Ich habe immer wieder Kunden, deren Thema Vergebung ist. Dies geht sogar bis zur Sterbebegleitung, wo die Menschen noch loslassen müssen. Um zu Vergeben müssen wir aber dies auch wollen und von Herzen machen, es geht nicht mit "einer Faust im Sack".
Ist dies auch ein Thema für dich, dann melde dich gerne bei mir.
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