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08.04.2026

Die Mitmenschen

Nicht jeder Mensch denkt wie du

Warum wir andere oft falsch sehen

Wir gehen oft stillschweigend davon aus, dass andere Menschen ähnlich empfinden, ähnlich denken und ähnlich reagieren wie wir selbst.

Was für uns selbstverständlich ist, erscheint uns auch für andere selbstverständlich.
Was wir als richtig empfinden, halten wir leicht für allgemeingültig.
Was wir selbst tun würden, erwarten wir unbewusst auch vom Gegenüber.

Genau hier beginnen viele Enttäuschungen, Konflikte und Missverständnisse.

Denn der andere ist nicht einfach eine Variante von uns selbst.

Er ist geprägt durch eine andere Geschichte.
Durch andere Erfahrungen.
Durch andere Verletzungen.
Durch andere Werte, Hoffnungen und Ängste.

Und doch betrachten wir andere oft so, als müssten sie eigentlich so sein wie wir.

Die Brille des Töpfers

Dazu passt eine kleine Geschichte.

In einem Dorf lebte ein alter Töpfer, der für seine schönen Gefässe bekannt war. Eines Tages kam ein junger Mann zu ihm, um das Handwerk zu lernen.

Schon am ersten Morgen begann der Junge zu urteilen.

Als er den ersten Klumpen Ton sah, sagte er:
„Dieser Ton ist zu weich. Daraus wird nie eine gute Schale.“

Beim zweiten meinte er:
„Dieser ist zu hart. Unbrauchbar.“

Und beim dritten sagte er:
„Zu grob. Zu widerspenstig.“

Der alte Töpfer schwieg und arbeitete weiter.

Am Abend standen auf dem Tisch drei fertige Gefässe:
eine feine Teeschale,
ein kräftiger Krug
und eine schlichte, aber schöne Schüssel.

Der junge Mann staunte.
„Wie kann das sein? Heute Morgen war doch keiner dieser Tonklumpen gut.“

Der Töpfer lächelte und sagte:
„Nicht der Ton war das Problem. Deine Augen waren es.“

Der Junge verstand nicht. Da erklärte der Alte:
„Du hast nicht gesehen, was vor dir lag. Du hast nur geprüft, ob es so ist, wie du es erwartet hast.“

Dann zeigte er auf die drei Gefässe:
„Der weiche Ton wollte nicht Krug werden.
Der harte Ton wollte nicht Schale werden.
Und der grobe Ton wollte nicht fein wirken.
Jeder hatte seine eigene Möglichkeit.“

Nach einer Weile sagte der Töpfer noch:
„So ist es auch mit Menschen. Wer in jedem nur sich selbst sucht, wird fast immer enttäuscht. Wer aber fragt: ‘Was ist in diesem Menschen angelegt? Was könnte aus ihm werden?’, der beginnt wirklich zu sehen.“

Wir sehen oft nicht den anderen – sondern uns selbst

Genau das geschieht auch im Alltag.

Wir sehen den anderen oft nicht so, wie er ist, sondern so, wie wir ihn durch unsere eigene innere Brille deuten.
Wir fragen nicht: „Wer bist du?“
Sondern eher: „Warum bist du nicht so wie ich?“

Dann entstehen Sätze wie:

  • „Ich würde das nie so machen.“
  • „Das ist doch völlig unverständlich.“
  • „Wie kann man nur so denken?“
  • „Warum reagiert er so empfindlich?“
  • „Warum sagt sie nicht einfach, was sie will?“

Solche Sätze wirken zunächst harmlos.
Aber oft steckt darin ein stiller Anspruch:
Der andere sollte so sein wie ich.

Der Töpfer aus der Geschichte erkennt etwas Wesentliches: Nicht jeder Ton ist für dasselbe Gefäss bestimmt. Und nicht jeder Mensch ist dazu da, unser Denken, Fühlen oder Handeln zu spiegeln.

Menschen werden kleiner, wenn wir sie nur auf das Sichtbare reduzieren

Ein Gedanke, der Johann Wolfgang von Goethe zugeschrieben wird, lautet sinngemäss:

„Wenn wir die Menschen nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; nehmen wir sie, wie sie sein könnten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.“

Das ist ein tiefer Satz.

Denn wer einen Menschen nur auf seine momentane Begrenzung reduziert, sieht ihn zu klein.
Wer nur seine Schwächen betrachtet, begegnet ihm nicht in seiner ganzen Wirklichkeit.
Wer nur sagt: „So bist du eben“, nimmt ihm oft den Raum, innerlich zu wachsen.

Der alte Töpfer hätte die Tonklumpen auch vorschnell verwerfen können.
Zu weich.
Zu hart.
Zu grob.

Doch er sah nicht nur, was sie gerade waren.
Er sah, was in ihnen angelegt war.

Vielleicht brauchen auch Menschen genau diesen Blick.

Nicht einen Blick, der sie entschuldigt oder verklärt.
Aber einen, der sie nicht auf den ersten Eindruck festlegt.

Logotherapeutischer Blick: Der Mensch ist mehr als seine Prägung

Auch aus logotherapeutischer Sicht ist dieser Gedanke sehr wertvoll.

Der Mensch ist nicht einfach das Produkt seiner Vergangenheit, seiner Triebe oder seiner Umstände.
Er ist nicht völlig festgelegt.

Viktor Frankl hat immer wieder betont, dass im Menschen eine Freiheit bleibt:
die Freiheit, Stellung zu nehmen,
die Freiheit, sich innerlich auszurichten,
die Freiheit, mehr zu werden als das, was im ersten Blick sichtbar ist.

Gerade deshalb sollten wir Menschen nicht auf ihre aktuelle Form reduzieren.

Ein Mensch ist nicht nur das, was er heute zeigt.
Er ist auch das, was in ihm angelegt ist.

Wer nur das Sichtbare beurteilt, urteilt oft zu schnell.
Wer aber auch die Möglichkeit eines Menschen wahrnimmt, begegnet seinem eigentlichen Menschsein.

Wahre Begegnung beginnt dort, wo ich nicht mehr vergleiche

Viele Beziehungen scheitern nicht daran, dass Menschen böse sind.
Sie scheitern daran, dass wir einander durch unser eigenes Mass messen.

Wir erwarten, dass der andere so fühlt wie wir.
So liebt wie wir.
So kommuniziert wie wir.
So leidet wie wir.
So heilt wie wir.

Doch echte Begegnung beginnt erst dort, wo ich innerlich loslasse:
den Vergleich,
die Projektion,
den stillen Anspruch, der andere müsse meinem Bild entsprechen.

Dann frage ich nicht mehr:
„Warum bist du nicht wie ich?“

Sondern vielleicht:
„Wer bist du wirklich?“

Und noch tiefer:
„Was könnte in dir liegen, das ich im Moment noch gar nicht sehe?“

Schlussgedanke

Vielleicht liegt eine der grössten Formen menschlicher Reife darin, andere nicht dauernd nach dem eigenen Mass zu beurteilen.

Nicht jeder Mensch ist wie wir.
Nicht jeder fühlt wie wir.
Nicht jeder denkt wie wir.

Und das ist nicht der Fehler der anderen.

Es ist die Einladung, weiter zu sehen.

Der junge Schüler in der Werkstatt des Töpfers lernte an diesem Tag nicht nur etwas über Ton.
Er lernte etwas über den Menschen:
Dass Verschiedenheit kein Mangel ist.
Dass Anderssein nicht gleich falsch ist.
Und dass wir andere oft erst dann wirklich sehen, wenn wir aufhören, in ihnen uns selbst zu suchen.

Vielleicht beginnt wahre Menschlichkeit genau dort:
wo wir aufhören, andere in unsere Form pressen zu wollen,
und anfangen, in ihnen mehr zu sehen als das, was sie im Moment zeigen.

Denn wer Menschen nur so nimmt, wie sie gerade erscheinen, macht sie oft kleiner.
Wer ihnen aber mit Achtung, Möglichkeit und Würde begegnet, hilft mit, dass etwas Besseres in ihnen wachsen kann.

AndrasM ☀️

Oft sehen wir uns sogar selbst mit der falschen Brille. Wie vergleichen uns, wir nehmen uns n icht so wie wir sind.
Willst du mehr über dich erfahren melde dich gerne.

👉 Mehr Informationen und Kontakt


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