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06.04.2026

Steuerrad

Nicht die Sterne tragen dein Leben – sondern deine Antwort darauf

mmer wieder begegnen wir Aussagen wie:

„Die Sterne haben es vorausgesagt.“
„Dein Gesicht zeigt, wie du bist.“
„Deine Handlinien sagen, was dein Weg ist.“
„Ich kann ja nichts dafür, das ist eben mein Schicksal.“

Solche Sätze klingen auf den ersten Blick beruhigend.
Denn wenn etwas ausserhalb von mir entscheidet, dann muss ich mich selbst nicht mehr entscheiden. Wenn die Sterne, die Herkunft, das Schicksal, die Umstände oder andere Kräfte mein Leben lenken, dann bin ich entlastet. Dann trage nicht mehr ich die Verantwortung, sondern etwas ausserhalb von mir.

Doch genau hier beginnt oft ein stiller Verlust:
der Verlust der inneren Freiheit.

Der Wind, das Segel und das Steuerrad

Ein alter Fährmann nahm einen jungen Mann mit auf einen See. Kaum waren sie draussen, kam Wind auf. Das Boot schwankte, das Wasser wurde unruhig.

Der Fährmann fragte:
„Kannst du den Wind ändern?“

„Nein“, sagte der junge Mann.

„Kannst du verhindern, dass er von links oder rechts kommt?“

„Nein.“

Dann legte der Alte die Hand auf das Steuerrad und fragte:
„Aber kannst du dies bewegen?“

„Ja.“

Der Fährmann nickte.
„Dann lerne den Unterschied.
Du bist nicht für den Wind verantwortlich.
Aber für den Umgang mit ihm.“

Diese kleine Geschichte sagt etwas Wesentliches aus:
Wir sind nicht frei von Bedingungen. Aber wir sind auch nicht bloss ihr Produkt.

Was Viktor Frankl uns erinnert

Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, hat etwas Entscheidendes ins Zentrum gestellt:
Der Mensch ist nicht nur ein Wesen der Triebe, Prägungen und Umstände. Er ist auch ein Wesen der Stellungnahme.

Frankl wusste, wovon er sprach. Er schrieb nicht aus einem bequemen Lehnstuhl über Freiheit, sondern aus der Erfahrung des Konzentrationslagers. Gerade dort, wo einem Menschen fast alles genommen werden kann, blieb für ihn eine letzte Freiheit bestehen: die Freiheit, zur eigenen Situation innerlich Stellung zu nehmen.

Das bedeutet nicht, dass alles einfach wäre.
Es bedeutet nicht, dass jeder alles könne.
Und es bedeutet ganz sicher nicht, Leid kleinzureden.

Es bedeutet nur dies:
Zwischen dem, was uns widerfährt, und dem, was wir daraus machen, bleibt oft ein innerer Raum.

Und in diesem Raum lebt Verantwortung.

Die Bedingungen sind real – aber sie sind nicht die letzte Instanz

Natürlich gibt es Grenzen.
Niemand wählt seine Herkunft.
Niemand entscheidet, in welches Land er geboren wird.
Niemand bestimmt allein über seine Gene, seine Kindheit, seine Verletzungen oder seine äusseren Möglichkeiten.

Dass ich keine Flügel bekomme, kann ich nicht ändern.
Dass ich als Mann oder Frau geboren wurde, kann ich nicht rückgängig machen.
Dass ich in einer schweren Zeit, in einem belasteten Umfeld oder in einer krisenhaften Welt lebe, habe ich mir nicht ausgesucht.

Aber genau darin liegt die entscheidende Frage:
Macht all das mein Leben verständlich — oder macht es mein Leben entschuldbar?

Logotherapeutisch gesprochen:
Bedingungen sind Wirklichkeit.
Aber sie sind nicht automatisch Entschuldigung für jede Haltung, jede Resignation und jeden Rückzug aus der Verantwortung.

Denn selbst dort, wo ich äusserlich nicht frei bin, bleibt oft noch eine innere Freiheit:
die Freiheit, wie ich dazu stehe, was ich daraus mache und welcher Mensch ich inmitten dessen sein will.

Wenn wir Verantwortung abgeben, geben wir oft mehr ab als nur Schuld

Viele Menschen geben Verantwortung nicht deshalb ab, weil sie böse oder bequem sind.
Oft tun sie es, weil Verantwortung auch Last bedeutet. Verantwortung heisst: Ich bin nicht allmächtig, aber ich bin auch nicht ganz ohnmächtig.

Und genau das ist schwer auszuhalten.

Es ist leichter zu sagen:
„So sind eben meine Sterne.“
„So bin ich halt von Natur aus.“
„Das liegt an meiner Geschichte.“
„Dafür kann ich nichts.“

Denn solange etwas anderes die Macht hat, muss ich mich nicht mit meiner eigenen Antwort befassen.

Aber der Preis dafür ist hoch:
Wer die Verantwortung ganz abgibt, gibt oft auch seine Würde mit ab.
Denn Würde hängt eng mit innerer Freiheit zusammen.

Freiheit heisst nicht Allmacht

In der Logotherapie ist Freiheit nie grenzenlos gemeint.
Freiheit heisst nicht: Ich kann alles.
Freiheit heisst auch nicht: Ich bin unabhängig von Körper, Psyche, Geschichte oder Welt.

Freiheit heisst vielmehr:
Ich bin frei zu einer Stellungnahme.
Frei zu einer Entscheidung im Rahmen meiner Möglichkeiten.
Frei zu einem nächsten kleinen Schritt.

Nicht jeder kann sofort gegen den Sturm anfahren.
Aber oft kann man das Steuerrad dennoch noch halten.
Nicht jeder kann den Wind drehen.
Aber man kann lernen, mit dem Segel umzugehen.
Nicht jeder kann alles verändern.
Aber fast immer bleibt die Frage:
Was ist jetzt meine Antwort?

Sinn beginnt oft dort, wo die Ausrede endet

Frankl hat den Menschen nie auf seine Vergangenheit reduziert.
Er sah im Menschen nicht nur das Gewordene, sondern auch das Mögliche.

Das ist vielleicht einer der stärksten Gedanken überhaupt:
Ich bin mehr als meine Prägung.
Mehr als meine Diagnose.
Mehr als meine Angst.
Mehr als das, was andere in meinem Gesicht, meinem Horoskop oder meinen Linien lesen wollen.

Der Mensch ist nicht nur gemacht.
Er ist auch gerufen.

Gerufen zu einer Antwort.
Gerufen zu Verantwortung.
Gerufen dazu, inmitten des Unabänderlichen das Wandelbare nicht zu übersehen.

Vielleicht sind die Sterne wie der Wind

Vielleicht darf man sich für Sterne interessieren.
Vielleicht dürfen Menschen Zeichen deuten, Symbole lieben oder in Bildern denken. Daran ist nicht zwingend etwas falsch.

Problematisch wird es erst dort, wo aus einem Bild ein Urteil wird.
Wo aus einer Deutung ein Gefängnis wird.
Wo aus einer Möglichkeit eine Entschuldigung wird.

Vielleicht sind die Sterne wie der Wind:
Sie mögen etwas anzeigen.
Sie mögen etwas spiegeln.
Sie mögen eine Richtung andeuten.

Aber sie sind nicht das Steuerrad.

Und wer alles auf den Himmel schiebt, nimmt die Hand zu früh vom eigenen Leben.


Schlussgedanke

Nicht alles in unserem Leben haben wir gewählt.
Aber wir sind oft mitverantwortlich dafür, wie wir dem Gewählten, dem Geschehenen und dem Unveränderbaren begegnen.

Oder mit Viktor Frankl gesagt:
Nicht immer sind wir frei von den Bedingungen —
aber wir sind oft frei in unserer Stellung dazu.

AndrasM ☀️

Kennst du dein Steuerrad, oder kennst du nur den Wind?
Ich zeige dir gerne wie der Wind dich nicht bremst, sondern hilft, mit deiner Hilfe, vorwärts zu kommen.

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