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08.03.2026

Die Brücke aus Seilen

Wenn Loslassen Angst macht

Viele Menschen leiden nicht nur an dem, was ihnen fehlt, sondern auch an dem, woran sie sich festhalten.

Das, was einmal Schutz war, kann später zur Belastung werden.
Gewohnheiten, Rollen, Sicherheiten, Besitz, Erwartungen, alte Überzeugungen oder bestimmte Beziehungen geben oft Halt. Sie vermitteln das Gefühl: Solange ich das habe, bin ich sicher. Solange ich daran festhalten kann, falle ich nicht.

Und doch spüren viele Menschen irgendwann:
Etwas in mir ist müde geworden.
Ich trage zu viel.
Ich halte fest, aber ich werde nicht freier.

Erich Fromm hat diesen inneren Konflikt eindrücklich beschrieben. Der Mensch fürchtet sich davor, seine Orientierung am Haben aufzugeben, weil er glaubt, dann schutzlos zu sein. Es ist, als würde er ins offene Meer fallen, ohne schwimmen zu können. Doch gerade diese Angst verdeckt oft eine tiefere Wahrheit:
Vielleicht trägt uns weniger das, was wir besitzen, als das, was in uns selbst an Lebenskraft, Vertrauen und innerer Fähigkeit angelegt ist.

Dazu passt eine alte Geschichte.

Ein Mann musste jeden Tag eine schmale Hängebrücke über eine tiefe Schlucht überqueren.

Die Brücke war alt. Wenn der Wind kam, schwankte sie leicht. Unter ihr war der Abgrund. Es war kein einfacher Weg, und der Mann fürchtete sich jedes Mal davor.

Damit er sich sicherer fühlte, nahm er stets vieles mit:
einen schweren Mantel, mehrere Werkzeuge, zusätzliche Seile und einen Stein, den er seit vielen Jahren bei sich trug. Diesen Stein hatte er einst von einem Menschen bekommen, dem er vertraute. Seitdem glaubte er, dass er ihn schütze.

So ging er Tag für Tag über die Brücke.
Und doch wurde der Weg nicht leichter.

Im Gegenteil:
Je mehr er trug, desto schwerer fiel ihm das Gehen.
Seine Schultern schmerzten.
Seine Schritte wurden klein und vorsichtig.
Die Angst blieb.

Eines Tages sass mitten auf der Brücke ein alter Mann, als hätte er dort schon lange auf ihn gewartet.

Er fragte ihn:
„Warum trägst du so viel?“

Der Mann antwortete:
„Weil ich Angst habe zu fallen.“

Der Alte nickte und sagte nach einer Weile:
„Und hilft dir all das wirklich? Oder macht es dir das Gehen noch schwerer?“

Der Mann schwieg.
Denn die Frage traf ihn an einem empfindlichen Punkt.

Viele Jahre hatte er geglaubt, seine Last sei sein Schutz.
Nun spürte er zum ersten Mal:
Vielleicht war sie auch ein Teil seines Leidens.

Der Alte sagte nicht viel mehr.
Nur diesen einen Satz:
„Lege nicht alles auf einmal ab. Aber prüfe, was dich trägt – und was dich nur beschwert.“

Der Mann blieb stehen.
Er nahm ein zusätzliches Seil von der Schulter und legte es beiseite.
Dann einen Haken.
Dann den schweren Mantel.

Nichts Wunderbares geschah.
Der Wind war noch da.
Die Brücke schwankte noch immer.
Der Abgrund blieb tief.

Aber sein Körper atmete etwas freier.
Sein Schritt wurde etwas leichter.

Schliesslich nahm er auch den Stein aus seiner Tasche.
Lange hielt er ihn in der Hand.
Er war ihm vertraut. Fast schmerzlich vertraut.
Nicht nur ein Gegenstand – eher eine Erinnerung, ein Versprechen, eine alte Form von Trost.

Er merkte, wie schwer es ihm fiel, gerade diesen Stein loszulassen.

Denn oft hängen wir nicht an Dingen, weil sie stark sind, sondern weil wir uns in ihrer Nähe weniger hilflos fühlen.

Mit zitternder Hand legte er ihn auf die Brücke.

Er wartete auf Panik.
Auf Schwäche.
Auf den Moment, in dem alles in ihm zusammenbrechen würde.

Doch dieser Moment kam nicht.

Stattdessen spürte er etwas Unerwartetes:
den Boden unter den eigenen Füssen.

Nicht plötzlich.
Nicht triumphierend.
Nicht als grosse Erlösung.

Eher still.

Fast vorsichtig.

Aber deutlich genug, dass er es nicht mehr übersehen konnte.

Er ging weiter.
Nicht weil die Brücke weniger gefährlich geworden war.
Sondern weil in ihm etwas gewachsen war:
das leise Vertrauen, dass er selbst gehen kann.

Diese Geschichte erzählt von etwas, das vielen Menschen im Innersten vertraut ist.

Nicht selten fürchten wir uns weniger vor dem Leben selbst als vor dem Verlust der Dinge, an die wir uns gewöhnt haben.
Wir halten an Mustern fest, die uns schon lange nicht mehr guttun.
Wir klammern uns an Sicherheiten, die uns gleichzeitig einengen.
Wir tragen Überzeugungen in uns, die vielleicht einmal notwendig waren, uns heute aber am Wachsen hindern.

In der therapeutischen Begleitung zeigt sich oft:
Menschen halten nicht deshalb fest, weil sie schwach sind.
Sie halten fest, weil sie Angst haben.
Und diese Angst verdient Verständnis, nicht Verurteilung.

Loslassen ist selten ein heroischer Akt.
Meist ist es ein stiller innerer Prozess.
Ein vorsichtiges Prüfen:
Was brauche ich wirklich?
Was schützt mich tatsächlich?
Und was trage ich nur noch aus Gewohnheit, aus Angst oder aus alten inneren Bindungen?

Heilung beginnt oft nicht damit, dass man alles hinter sich wirft.
Sondern damit, dass man sich selbst behutsam zutraut, einen Schritt ohne die alten Krücken zu gehen.

Manchmal entdecken Menschen erst dann ihre eigene Kraft, wenn sie merken, dass sie nicht zusammenbrechen, obwohl sie etwas losgelassen haben.

Dann entsteht eine neue Form von Sicherheit.
Nicht die Sicherheit des Festhaltens.
Sondern die Sicherheit des inneren Stehens.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen im Leben:
Dass wir nicht von allem getragen werden, woran wir uns klammern.
Und dass in uns oft schon viel mehr Kraft lebt, als wir uns lange zugetraut haben.

Nicht alles, was wir haben, gibt uns Halt.
Manches hält uns nur davon ab, den eigenen Boden wieder zu spüren.

AndrasM ☀️

Manchmal beginnt Heilung dort, wo ein Mensch ganz behutsam entdeckt:
Ich falle nicht, wenn ich loslasse – ich beginne vielleicht erst dann, auf eigenen Füssen zu stehen.

Melde dich gern. Gemeinsam finden wir wieder Boden, Klarheit – und Handlungsspielraum.

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