05.03.2026
Sturm im Aussen, Halt im Innern

Zwischen Krise und Klarheit: Der nächste machbare Schritt
Existenzängste haben viele Gesichter. Manchmal sind es ganz konkrete wirtschaftliche Sorgen: Rechnungen, Aufträge, Job, Miete. Manchmal ist es die Weltlage: Krisen, Nachrichten, Unsicherheit, das Gefühl, dass „alles“ gleichzeitig ins Rutschen kommt.
In solchen Phasen passiert etwas Typisches: Der Blick geht nach oben – in die Zukunft.
Wir beginnen zu rechnen, zu vergleichen, Szenarien zu bauen. Und je mehr wir denken, desto weniger fühlen wir Boden.
Dazu passt eine kleine Geschichte.
Der Fischer und das Sturmbarometer
Ein Fischer lebte mit seiner Familie an der Küste. Er hatte nicht viel, aber genug: ein Boot, Netze, Routine. Sein Leben war einfach – und tragfähig.
Eines Tages kam ein Händler vorbei und schenkte ihm ein modernes Sturmbarometer.
„Damit wirst du immer wissen, was kommt“, sagte er stolz. „Du bist vorbereitet.“
Der Fischer hängte es in die Stube. Anfangs war es beruhigend.
Wenn die Nadel auf „ruhig“ stand, atmete er leichter. Wenn sie „Wind“ ankündigte, machte er das Boot früher fest. Alles schien sinnvoll.
Doch dann kam eine Zeit, in der die Nadel ständig zitterte.
Mal „Wind“, mal „Sturm“, mal „Unwetter“. Keine klare Linie. Nur Schwanken.
Und der Fischer begann, immer öfter nachzusehen.
Er schaute morgens. Dann mittags. Dann stündlich.
Er sprach weniger mit seiner Familie. Er wurde reizbar.
Er verschob Dinge, die wichtig waren – Netze flicken, Vorräte ordnen, das Boot prüfen – weil er meinte, er müsse zuerst „die Lage“ verstehen.
Je mehr er schaute, desto mehr verlor er die Ruhe.
Und je mehr er die Ruhe verlor, desto grösser wurde das Gefühl: Ich bin dem ausgeliefert.
Eines Nachts hörte er draussen den Wind. Richtig. Schwer.
Er sprang auf, rannte zum Barometer – aber da begriff er:
Der Sturm ist nicht mehr eine Anzeige. Er ist da.
Da ging er hinaus. Barfuss in den Sand.
Er spürte den Boden unter den Füssen.
Er hörte die Wellen. Riech das Salz. Spürte den Wind im Gesicht.
Er atmete. Nicht um „positiv“ zu denken – sondern um wieder bei sich anzukommen.
Und dann wurde es klar:
Jetzt zählt nicht die Nadel. Jetzt zählt der nächste Schritt.
Er sicherte das Boot. Zog die Seile nach. Schloss die Fensterläden.
Legte eine Laterne bereit. Beruhigte die Kinder.
Tat das, was in seiner Macht lag.
Am Morgen war der Sturm vorbei. Das Haus stand. Das Boot auch.
Er ging hinein, sah das Barometer – und drehte es um.
Nicht, weil er die Welt verleugnen wollte.
Sondern weil er verstanden hatte:
Das Barometer zeigt mir, dass es unruhig ist.
Aber es zeigt mir nicht den nächsten Schritt.
Den finde ich nur, wenn ich zuerst wieder Boden spüre.
Was diese Geschichte über Existenzangst sagt
Existenzangst will uns schützen. Sie ist wie ein inneres Warnsystem.
Aber sie hat eine Nebenwirkung: Sie zieht unsere Aufmerksamkeit weg vom Machbaren – hin zum Ungewissen.
Wenn wir nur noch „die Lage“ beobachten (Zahlen, News, Worst-Case), entsteht das Gefühl von Ohnmacht.
Und genau dann ist Boden wichtig: nicht als Theorie, sondern als Erfahrung.
Drei kleine Wege zurück auf den Boden
1) Der „Nächste-Schritt“-Satz
Frag dich: Was ist heute der nächste kleine, sinnvolle Schritt, der in meiner Hand liegt?
Nicht „das Problem lösen“. Nur: ein Schritt.
2) Körperkontakt mit Realität
Füsse auf den Boden, Hände an eine Tischkante, Rücken an die Wand.
30–60 Sekunden spüren: Druck, Gewicht, Temperatur.
Der Körper sagt dem Nervensystem: Ich bin hier. Jetzt.
3) Nachrichten-Diät mit festen Zeiten
Nicht „gar nichts mehr“. Sondern: ein Zeitfenster (z.B. 15 Minuten am Tag).
Denn Dauer-Alarm ist kein Informiertsein – es ist Dauerstress.
Zum Schluss
Du musst Existenzangst nicht wegdrücken.
Aber du kannst lernen, nicht von ihr gesteuert zu werden.
#AndrasM ☀️
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