Aristoteles wird ein Satz zugeschrieben, der in seiner Schlichtheit fast wie ein Kompass wirkt:
„Wo deine Begabungen die Not dieser Welt kreuzen, dort liegt deine Berufung.“
Ich denke dabei an eine Geschichte vom Schuster und einer schiefen Treppe.
In einer kleinen Stadt führte eine kurze Steintreppe zum Marktplatz. Über Jahre war eine Stufe abgesunken – nur wenige Zentimeter. Aber genau diese Kleinigkeit reichte, um immer wieder Menschen ins Stolpern zu bringen: eine ältere Frau, ein Kind, ein Händler mit Karren. Die meisten schüttelten den Kopf, schimpften – und gingen weiter. „Das müsste die Stadt endlich richten“, sagte man.
Ein Schuster blieb stehen. Nicht, weil er Steine setzen konnte, sondern weil er etwas erkannte, das er aus seinem Handwerk kannte:
Wenn etwas nicht passt, entsteht Druck. Und Druck führt zu Schmerz.
Am nächsten Tag kam er mit Kreide, beobachtete den Tritt, markierte den Punkt, an dem Menschen am häufigsten hängen blieben. Dann suchte er den Steinmetz auf.
„Ich kann keine Steine setzen“, sagte er, „aber ich kann dir zeigen, wo der Fuss aufsetzt – und was Menschen ins Fallen bringt.“
Der Steinmetz war skeptisch, doch sie versuchten es gemeinsam. Der Steinmetz hob die Stufe an, der Schuster korrigierte Winkel und Kante so, dass der Gang wieder natürlich wurde. Noch am selben Tag gingen die Menschen darüber – ohne zu stocken.
Am Abend sagte jemand zum Schuster: „Du hättest das nicht tun müssen.“
Der Schuster antwortete: „Ich musste nicht. Aber ich konnte.“
Logotherapeutische Brücke: Sinn als Antwort
Viktor Frankl beschreibt Sinn nicht als etwas, das man „erfindet“, sondern als etwas, das sich im Leben zeigt – als Aufgabe, die uns ruft. Sinn entsteht dort, wo wir nicht nur fragen: „Was will ich vom Leben?“, sondern:
„Was will das Leben jetzt von mir?“
In der Geschichte war es keine grosse Heldentat. Nur eine kleine Stelle, an der Menschen litten – und eine Fähigkeit, die genau dort hilfreich wurde.
Berufung wirkt oft nicht wie ein Paukenschlag. Eher wie ein leiser Moment, in dem wir innerlich wissen:
„Hier kann ich etwas beitragen.“
Und vielleicht ist das die praktischste Form von Sinn:
Dass wir unsere Begabung nicht nur haben, sondern sie in Beziehung setzen – zur Wirklichkeit, zu anderen Menschen, zu dem, was gerade gebraucht wird.
Wo stolpern Menschen um dich herum – und welche deiner Fähigkeiten könnte dort „Halt geben“?
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