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17.02.2026

Gestern Heute Morgen

Die Schale am Brunnen – wo deine Quelle liegt

Ein junger Mann kam an einem späten Nachmittag in ein kleines Dorf. Er ging langsam, als trüge er nicht nur sein Gepäck, sondern auch alles, was ihm nachhing: Fehler, verpasste Chancen, Worte, die er nicht zurücknehmen konnte.

Am Rand des Dorfes stand ein alter Steinbrunnen. Daneben sass eine alte Frau auf einer niedrigen Mauer und schöpfte Wasser – ruhig, konzentriert, als hätte sie alle Zeit der Welt.

Der junge Mann blieb stehen. „Entschuldigen Sie…“, sagte er zögernd. „Ich glaube, ich bin müde. Nicht nur vom Weg. Von allem.“

Die Frau blickte auf, nicht neugierig, eher freundlich. „Dann setz dich.“

Er setzte sich, starrte auf den Brunnenrand, als könne er dort Antworten finden. Nach einer Weile platzte es aus ihm heraus:
„Hinter mir liegt so viel, das ich bereue. Und vor mir…“ Er machte eine kleine, hilflose Handbewegung in Richtung der Strasse. „Vor mir liegt so viel, das mir Angst macht. Ich habe das Gefühl, mein Leben besteht aus Last und Ungewissheit.“

Die Frau nahm eine Schale, füllte sie und hielt sie ihm hin. „Trink.“

Er trank. Es war nur Wasser – kühl, klar, unspektakulär. Und doch spürte er, wie etwas in ihm langsamer wurde. Der Knoten in der Brust, dieses dauernde Ziehen zwischen „zu spät“ und „zu viel“, lockerte sich einen Moment.

„Was soll das?“, fragte er, fast verlegen. „Davon wird doch nichts besser.“

Die Frau stellte die Schale auf den Brunnenrand. Dann zeigte sie mit einem Finger auf den Weg hinter ihm.
„Dort sind Spuren.“

Er nickte. „Genau. Spuren, die ich am liebsten ausradieren würde.“

Dann zeigte sie nach vorn, in die offene Landschaft.
„Dort sind Möglichkeiten.“

Er seufzte. „Oder Abgründe. Ich weiss nicht, was kommt.“

Die Frau schwieg kurz. Dann tippte sie leicht gegen seine Brust – nicht aufdringlich, eher wie eine Erinnerung.

„Und hier“, sagte sie leise, „ist deine Quelle.“

Er schaute sie an, als hätte er das Wort nicht verstanden.

„Du sitzt neben einem Brunnen“, fuhr sie fort, „und redest von Durst. Weil du nur auf das schaust, was hinter dir liegt – und auf das, was vor dir liegt. Aber das, was dich trägt, ist nicht dort draussen. Es ist das, was in dir liegt: deine Fähigkeit, neu zu wählen. Zu stehen. Zu gehen. Wieder Sinn zu finden.“

Der junge Mann wollte widersprechen – doch merkte er, dass er gerade etwas anderes fühlte als Angst: einen kleinen, stillen Raum in sich, der nicht von gestern oder morgen beherrscht wurde.

Die Frau nahm die Schale wieder und reichte sie ihm.
„Du musst nicht die Vergangenheit ändern, um heute zu leben. Und du musst nicht die ganze Zukunft kennen, um den nächsten Schritt zu tun.“

Er nahm die Schale. Diesmal schöpfte er selbst. Und als er trank, war es, als hätte er etwas wiedergefunden, das nie wirklich weg war.


Die Brücke zur Logotherapie

In der logotherapeutischen Sicht ist der Mensch mehr als seine Vergangenheit und mehr als seine Befürchtungen. Zwischen dem, was war, und dem, was kommt, liegt ein innerer Raum: die Freiheit, Stellung zu nehmen.

Manchmal kann ich nicht ändern, was geschehen ist. Manchmal kann ich nicht kontrollieren, was kommt.
Aber ich kann entdecken, was in mir lebendig ist: Werte, Haltung, Verantwortung – und die Frage:

„Wozu lohnt sich der nächste Schritt?“

Genau dort liegt die „Quelle“: nicht als perfektes Gefühl, sondern als innere Möglichkeit, Sinn zu realisieren – im Kleinen, im Konkreten, im Heute.


Mini-Impuls für den Alltag

Wenn du merkst, dass du zwischen „hätte ich doch…“ und „was, wenn…“ festhängst, probier diesen Dreischritt:

  1. Benennen: Was zieht mich gerade nach hinten? Was zieht mich nach vorn?

  2. Atemzug dazwischen: 10 Sekunden nur atmen – als wäre da Raum.

  3. Ein Schritt: Was ist der kleinste sinnvolle Schritt, den ich heute tun kann?

AndrasM ☀️

Nicht alles lösen. Nur schöpfen.

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