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12.02.2026

Selbstdistanzierung

Der Mantel am Haken – und der Moment, in dem es wieder leichter wird

Viele Menschen beschreiben ihre innere Lage nicht als Zustand, sondern als Identität:
„Ich bin ängstlich.“
„Ich bin überfordert.“
„Ich bin zu sensibel.“

Das klingt harmlos – ist aber oft eine unsichtbare Falle.
Denn wer sich mit einem Gefühl gleichsetzt, erlebt es als etwas Endgültiges:
So bin ich halt.
Und genau dann wird Veränderung schwierig.

Eine kleine Szene aus dem Alltag

Eine Frau sagt in der Sitzung:
„Ich bin einfach ein ängstlicher Mensch.“

Ich zeige auf einen Haken an der Wand, an dem ein Mantel hängt, und frage:
„Ist dieser Mantel du?“

Sie lacht: „Natürlich nicht.“

„Und wenn du ihn anhast – wirst du dann der Mantel?“

„Nein.“

„Angst ist oft wie ein Mantel“, sage ich.
„Manchmal schützt er, manchmal drückt er. Aber er ist etwas, das du trägst. Nicht etwas, das du bist. Und was getragen wird, kann man auch wieder ablegen – oder zumindest öffnen, damit wieder Luft hineinkommt.“

Sie wird still. Dann sagt sie leise:
„Dann bin ich nicht Angst … ich trage gerade Angst.“

Und genau hier passiert etwas Entscheidendes:
Es entsteht Distanz. Ein kleiner innerer Schritt zurück.
Nicht, um Gefühle wegzudrücken – sondern um ihnen nicht mehr ausgeliefert zu sein.

Selbstdistanzierung: Der Schritt zurück, der Freiheit schafft

In der Logotherapie wird dieser innere Abstand oft als Selbstdistanzierung beschrieben:
Ich kann mich selbst beobachten.
Ich kann wahrnehmen, was in mir auftaucht – ohne mich damit zu verwechseln.

Das bedeutet nicht: „Ich darf keine Angst haben.“
Sondern: „Angst ist da – und trotzdem bin ich mehr als diese Angst.“

Und aus diesem Mehr heraus wird Handlung wieder möglich.

Drei Sätze, die oft alles verändern

Wenn du magst, probiere im Alltag einen dieser Perspektivwechsel:

  • Statt „Ich bin ängstlich“ → „Ich bemerke Angst in mir.“

  • Statt „Ich bin überfordert“ → „Ich erlebe gerade Überforderung.“

  • Statt „Ich bin falsch“ → „Da ist gerade der Gedanke: ‚Ich bin falsch.‘“

Das klingt simpel. Aber Sprache formt Erleben.
Und manchmal ist dieser kleine Wechsel der Anfang von Selbstwirksamkeit.

Ein Mini-Impuls für 30 Sekunden

Wenn ein Gefühl hochkommt (Angst, Ärger, Scham), dann:

  1. Benennen: „Da ist Angst.“

  2. Distanzieren: „Ich beobachte das in mir.“

  3. Wählen: „Was wäre jetzt ein kleiner guter nächster Schritt – trotz allem?“

Nicht perfekt. Nicht heroisch. Nur stimmig.

Denn Freiheit beginnt nicht erst, wenn die Angst weg ist.
Freiheit beginnt, wenn wir nicht mehr sagen müssen:
„Ich bin Angst.“
Sondern:
„Ich bin da – und Angst ist auch da.“

AndrasM ☀️

Kennst du das Gefühl, du bist die Angst, kannst den Mantel nicht aufmachen und du "drehst" fast durch?
Dann melde dich.

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