In Haben oder Sein beschreibt Erich Fromm eine feine, aber entscheidende Verschiebung:
Wir sagen oft „Ich habe ein Problem“, statt „Ich bin besorgt“.
Das klingt harmlos – ist aber psychologisch wirksam.
Denn „haben“ macht aus einem inneren Zustand schnell ein Ding: etwas, das man besitzen, analysieren, reparieren oder entsorgen muss.
„Sein“ hingegen führt zurück ins Erleben: in die Gegenwart, in die Beziehung zu mir selbst.
Die Geschichte vom Riss im Krug
Ein Mann kommt zu einer weisen Frau und sagt hastig:
„Ich habe ein Problem.“
Die Weise stellt einen fast randvollen Krug Wasser auf den Tisch.
„Gut“, sagt sie. „Zeig mir dein Problem.“
Der Mann spricht über Stress, Streit, Zukunftsängste, Schlaflosigkeit.
Während er redet, nimmt die Weise eine kleine Kelle, schöpft Wasser aus dem Krug und giesst es sofort wieder oben hinein.
Das Wasser läuft über, tropft auf den Tisch und auf den Boden.
Der Mann wird wütend: „Was machen Sie da?! Jetzt ist alles nass!“
Die Weise hebt den Krug hoch. Erst jetzt sieht der Mann:
Unten hat der Krug einen feinen Riss.
„Du kommst und sagst: Ich habe ein Problem“, sagt sie ruhig.
„Also behandelst du es wie etwas, das man umfüllen, ordnen, wegtragen kann.
Aber solange der Krug einen Riss hat, läuft es immer wieder über.“
Dann hält sie kurz inne und ergänzt leise:
„Vielleicht ist nicht dein Problem das Zentrum.
Vielleicht bist du gerade besorgt, überfordert, verwundet.
Nicht das Wasser ist das Thema. Du bist es.“
Der Mann wird still.
„Wenn du sagst: Ich habe ein Problem, stehst du daneben wie ein Besitzer.
Wenn du sagst: Ich bin besorgt, kehrst du zurück in dein Leben – in dein Sein.“
Logotherapeutische Brücke
In der Logotherapie (Viktor Frankl) geht es oft nicht darum, Zustände wie Gegenstände zu behandeln, sondern die Haltung zu entdecken, die uns trotz allem möglich bleibt:
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum – und in diesem Raum liegt Freiheit.
Der Satz „Ich bin besorgt“ öffnet diesen Raum eher als „Ich habe ein Problem“.
Denn „Ich habe ein Problem“ klingt nach: weg damit, lösen, kontrollieren.
„Ich bin besorgt“ klingt nach: wahrnehmen, annehmen, ausrichten.
Und manchmal beginnt Veränderung nicht mit einer Lösung, sondern mit einem Satz, der uns wieder in Kontakt bringt:
Nicht: „Was muss ich loswerden?“
Sondern: „Was bin ich gerade – und was braucht es jetzt, damit ich verantwortlich weitergehen kann?“
👉 Mehr Informationen und Kontakt