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06.02.2026

Sein vor Tun

Logotherapeutische Brücke zu Meister Eckhart

„Die Menschen sollen nicht so viel nachdenken, was sie tun sollen;
sie sollen vielmehr bedenken, was sie sind.“Meister Eckhart

Manchmal suchen wir im Leben wie im Nebel: Wir wälzen Möglichkeiten, analysieren Risiken, schreiben Listen, optimieren Entscheidungen. Und doch bleibt etwas leer. Nicht, weil wir zu wenig tun – sondern weil wir im Tun nicht wirklich da sind.

Eine alte Geschichte bringt diesen Punkt auf eine überraschend einfache Weise auf den Tisch.

Die Tee-Schale

Ein junger Mann kam zu einem alten Meister und sagte:
„Sag mir, was ich tun soll. Ich denke ständig nach – und je mehr ich nachdenke, desto mehr verliere ich mich.“

Der Meister führte ihn in die Küche. Auf dem Tisch standen eine Schale, ein Krug Wasser und ein Bündel Kräuter.
„Mach Tee“, sagte er.

Der junge Mann war erleichtert: Endlich eine klare Aufgabe. Er stellte Wasser auf, gab Kräuter hinein – und begann sofort zu bewerten: Mache ich es richtig? Ist es gut genug? Was denkt der Meister? Was sagt das über mich aus?

Das Wasser kochte über. Hektik. Ärger. Der Tee misslang.

Der Meister fragte nur: „Warum ist es übergelaufen?“

„Weil ich abgelenkt war.“

„Wodurch?“

Der junge Mann antwortete leise: „Durch mich. Durch meine Bewertung.“

Der Meister wusch die Schale aus und sagte: „Noch einmal. Aber diesmal: Sei zuerst Tee-Macher. Nicht Tee-Macher-Prüfer. Nicht Tee-Macher-Darsteller. Tee-Macher.“

Beim zweiten Mal stand der junge Mann stiller. Er atmete. Er hörte das Feuer. Er roch die Kräuter. Er blieb bei dem, was ist. Der Tee wurde schlicht – und gut.

Der Meister sagte:
„Du wusstest von Anfang an, was zu tun ist: Wasser, Feuer, Kräuter. Entscheidend ist, was du bist, während du es tust. Wenn du Prüfer bist, wird alles zur Prüfung. Wenn du Gegenwart bist, wird das Tun klar.“

Die logotherapeutische Brücke: Nicht zuerst das „Was“, sondern das „Wie“

Logotherapeutisch klingt das vertraut: Wir können nicht immer wählen, was uns begegnet. Aber wir können wählen, wie wir dazu stehen.

Viktor Frankl beschreibt genau diesen inneren Spielraum: Zwischen dem Reiz (das, was passiert) und der Reaktion (das, was ich tue) gibt es einen Moment – eine kleine Freiheit. In diesem Moment entscheidet sich nicht nur eine Handlung, sondern vor allem eine Haltung.

Und hier trifft Eckhart ins Zentrum:
Nicht die endlose Frage „Was soll ich tun?“ verändert unser Leben am tiefsten, sondern die stillere Frage:

„Was bin ich gerade – in dem Moment, in dem ich handle?“

  • Bin ich Angst – oder Mut?

  • Bin ich Eile – oder Präsenz?

  • Bin ich Selbstabwertung – oder Selbstachtung?

  • Bin ich Groll – oder Würde?

  • Bin ich Flucht – oder Verantwortung?

In der Logotherapie heisst das: Ich bin nicht nur getrieben von Umständen, Gefühlen oder Gedanken. Ich bin auch fähig zur Stellungnahme. Ich kann innerlich einen Schritt zurücktreten und mich fragen: Welche Haltung entspricht dem, wofür ich stehen will?

Sinn entsteht im Augenblick – nicht im perfekten Plan

Viele Menschen warten auf den „richtigen“ Plan. Auf Sicherheit. Auf den perfekten Zeitpunkt. Doch Sinn entsteht selten im grossen Konzept. Sinn entsteht im Konkreten: im Jetzt, im nächsten kleinen Schritt, in der Art, wie ich ihn gehe.

Vielleicht ist das die praktischste Übersetzung von Eckhart und Frankl zusammen:

Du musst nicht zuerst alles klären.
Du musst zuerst da sein – und dann aus einer gewählten Haltung handeln.

Typische Alltagssituation: Gedankenkreisen statt Leben

Wenn der Kopf rotiert, passiert oft Folgendes:

  1. Ich suche Kontrolle durch Denken.

  2. Ich verliere Präsenz.

  3. Ich handle verkrampft oder gar nicht.

  4. Ich bewerte mich dafür – und der Kreis beginnt von vorn.

Die logotherapeutische Unterbrechung ist klein, aber kraftvoll:
Ich bemerke den Kreis – und wähle Haltung statt Perfektion.

Mini-Übung (30–60 Sekunden): „Vom Prüfer zum Handelnden“

Wenn du merkst, dass du dich verhedderst, probiere das:

  1. Stopp. Eine bewusste Ausatmung.

  2. Frage: „Was bin ich gerade?“ (z.B. Angst, Druck, Pflicht, Ärger, Unruhe)

  3. Frage: „Was will ich sein – für die nächsten 2 Minuten?“ (z.B. ruhig, mutig, freundlich, klar, würdevoll)

  4. Dann: ein kleiner Schritt – als Ausdruck dieser Haltung.

Nicht als Selbstoptimierung. Sondern als Entscheidung für Würde.

AndrasM ☀️

Schlussgedanke

Ein Mensch, der ständig fragt „Was soll ich tun?“, sucht oft eine Garantie.
Ein Mensch, der fragt „Was will ich sein?“, findet etwas Besseres: innere Freiheit.

Und manchmal beginnt alles mit einer Schale, Wasser, Kräutern –
und dem Mut, für einen Moment einfach wirklich da zu sein.

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