04.02.2026
Der Zwischenraum

Wo Freiheit beginnt
In der Logotherapie gibt es einen Gedanken, der auf den ersten Blick schlicht wirkt – und im Alltag enorm kraftvoll ist:
Zwischen Aktion und Reaktion liegt ein Augenblick.
In diesem Augenblick können wir entscheiden, wie wir antworten. Nicht immer perfekt. Aber immer ein Stück freier, als es sich im ersten Moment anfühlt.
Eine alte Geschichte: Der Becher Tee
Ein junger Schüler kommt zum Meister:
„Meister, ein Mann hat mich vor allen beleidigt. Ich habe sofort zurückgeschrien. Jetzt schäme ich mich – aber es war stärker als ich.“
Der Meister nickt und lässt Tee bringen.
Er stellt dem Schüler einen Becher hin: „Nimm ihn. Und wenn ich ihn dir aus der Hand schlage – halte ihn unbedingt fest.“
Der Schüler nimmt den Becher.
Plötzlich schlägt der Meister dagegen. Der Tee schwappt heraus. Der Schüler zuckt zurück.
„Warum hast du ihn nicht gehalten?“ fragt der Meister.
„Ich war überrascht. Ich habe nicht nachgedacht.“
Der Meister füllt den Becher erneut.
„Nimm ihn noch einmal. Dieses Mal: Sei da.“
Der Schüler nimmt den Becher und spürt ihn: Gewicht, Wärme, Stand. Er spürt auch sich selbst: Hände, Atem, Bauch.
Der Meister hebt langsam die Hand – und stoppt kurz vor dem Becher.
Der Schüler bleibt ruhig.
Der Meister sagt leise:
„Nicht der Schlag entscheidet – sondern ob du in dem winzigen Zwischenraum anwesend bist. Der Mann hat dich beleidigt. Aber erst du entscheidest, ob du es trinkst.“
Was das logotherapeutisch bedeutet
Logotherapie verspricht nicht, dass wir nie impulsiv reagieren.
Sie lädt uns ein, den Zwischenraum zu entdecken – den Moment, in dem wir noch nicht im Reflex sind, sondern wieder bei uns.
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Der Reiz kommt von aussen (oder aus dem Inneren: Gedanke, Erinnerung, Körperreaktion).
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Die erste Welle ist oft automatisch.
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Aber die zweite Bewegung – was wir daraus machen – kann zu unserer Entscheidung werden.
Und genau darin liegt Würde:
Nicht „immer souverän sein“, sondern „immer wieder zu mir zurückfinden“.
Eine Mini-Übung für den Alltag: „Becher halten“
Wenn du merkst, dass etwas dich packt (Wut, Angst, Gedankenblitz, Kränkung), probiere das:
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Stop (innerlich ein Wort): „Halt.“ / „Stopp.“ / „Moment.“
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Ein Atemzug langsam ausatmen (länger aus als ein).
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Körper-Anker: Spür die Füsse am Boden oder die Hände.
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Frage: „Welche Reaktion dient mir – und meinen Werten – jetzt?“
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Erst dann handeln oder sprechen.
Am Anfang ist der Zwischenraum winzig. Mit Übung wird er spürbarer – und oft reicht schon ein einziger Atemzug, um nicht vom Impuls gelenkt zu werden.
Zum Mitnehmen
Vielleicht ist Freiheit nicht die Abwesenheit von Auslösern.
Vielleicht ist Freiheit die Fähigkeit, den Becher zu halten, bevor der Tee überschwappt.
#AndrasM ☀️

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