26.01.2026
Sinn des Lebens

Sinn des Lebens oder Sinn im Leben – warum das „Jetzt“ zählt
„Was ist der Sinn des Lebens?“
Diese Frage klingt philosophisch – aber sie kommt oft aus etwas sehr Menschlichem: aus Unsicherheit, aus Schmerz, aus Überforderung. Manchmal auch aus dem Wunsch, endlich eine klare Richtung zu bekommen: Sag mir, wofür das alles gut ist.
Und doch liegt in der Frage manchmal eine Falle: Sie verlangt nach einer grossen, endgültigen Antwort. Nach einer Erklärung, die alles umfasst. Als müsste das Leben erst verstanden werden, bevor man es leben darf.
Aus meiner Sicht ist eine andere Frage hilfreicher:
Nicht der Sinn des Lebens, sondern der Sinn im Leben. Und vor allem: der Sinn im Jetzt.
Eine weise Geschichte aus der Werkstatt
Ein junger Mann ging zu einer alten Weberin. Er war klug, belesen – und trotzdem innerlich unruhig.
„Sag mir“, bat er, „was ist der Sinn des Lebens? Ich will ihn endlich kennen. Dann wird alles klar.“
Die Weberin nickte, als hätte sie diese Frage schon oft gehört. Sie führte ihn in ihre Werkstatt. Überall lagen Fäden, Farben und Stoffe. An der Wand hing ein halbfertiger Teppich – wunderschön, aber unvollendet.
„Du willst den Sinn des ganzen Teppichs wissen“, sagte sie. „Das verstehe ich. Aber wenn du nur auf das Ende wartest, bleibt dieser Teppich ein Haufen Fäden.“
Sie gab ihm ein Schiffchen mit Garn.
„Web eine Reihe.“
Der junge Mann runzelte die Stirn. „Aber das beantwortet doch meine Frage nicht.“
Die Weberin lächelte: „Doch. Du verwechselst zwei Dinge: den Sinn des Lebens und den Sinn im Leben.“
Er schaute auf das Muster: eine Linie, eine Farbe, ein Knoten.
„Und wenn ich die falsche Farbe wähle?“ fragte er leise.
„Dann webst du weiter“, antwortete sie ruhig. „Du lernst. Du korrigierst. Auch Fehler können später Teil des Musters werden.“
Dann trat sie einen Schritt zurück und sagte:
„Wenn du das Ganze sehen willst, brauchst du Abstand. Aber du kannst nicht aus der Ferne weben.“
Sie reichte ihm das Schiffchen wieder.
„Was ist der Sinn jetzt?“ fragte sie.
Der junge Mann schaute auf den nächsten Faden – und begann zu weben.
Die logotherapeutische Sicht: Sinn ist etwas, das antwortet
In der Logotherapie (Viktor Frankl) wird Sinn nicht als „Definition“ verstanden, die man einmal findet und dann besitzt. Sinn ist eher eine Aufgabe, eine Antwort auf das, was das Leben jetzt von mir fordert.
Das kann sehr unterschiedlich sein:
-
ein Mensch, der meine Präsenz braucht
-
ein Schritt, der überfällig ist
-
eine Entscheidung, die meine Würde schützt
-
eine Haltung, die ich trotz Schwierigkeiten wähle
-
ein Beitrag, den nur ich so geben kann
Frankl betont: Sinn ist situationsbezogen. Er ist nicht überall gleich und nicht als allgemeine Formel verfügbar. Genau deshalb kann die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ manchmal so frustrierend sein: Sie sucht nach einer universellen Antwort, wo das Leben oft eine konkrete Antwort erwartet.
Sinn im Jetzt – drei alltagstaugliche Fragen
Wenn jemand spürt, dass die grosse Sinnfrage eher Druck macht als Orientierung, helfen manchmal diese drei kleinen Fragen:
-
Was ist heute meine nächste „Reihe“?
Nicht das ganze Leben lösen – nur den nächsten stimmigen Schritt. -
Wofür will ich heute Verantwortung übernehmen?
Für meinen Körper, meine Grenzen, meine Beziehung, meine Arbeit, meinen Mut? -
Was wäre heute eine würdige Haltung – trotz allem?
Manchmal ist Sinn nicht das, was passiert, sondern wie ich dazu Stellung nehme.
Schlussgedanke
Sinn ist nicht nur etwas, das man „findet“. Sinn ist oft etwas, das man hineinwebt: mit Entscheidungen, mit Haltung, mit kleinen Schritten. Und manchmal beginnt es nicht mit einer grossen Erkenntnis – sondern mit einem leisen: „Für heute mache ich die nächste Reihe.“
#AndrasM ☀️
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